Das Buch
"Nikolas Roerich - Leben und Werk eines russischen Meisters"
von Jacqueline Decter

Inhalt
1. DANKSAGUNG UND VORWORT
2. DIE FRÜHEN JAHRE
3. DIE STUDIENZEIT
4. DIE WELT DER KUNST
5. DIE STEINZEIT
6. DAS THEATER
7. ÜBERGANG
8. AMERIKA
9. DAS HERZ VON ASIEN
10. KULU

DIE FRÜHEN JAHRE

Der er Name "Roerich" ist skandinavischen Ursprungs und hat die Bedeutung von "ruhm-reich". Nach der Familienüberlieferung läßt er sich bis in die Zeit der Wikinger zurückverfolgen. Eines der frühen Mitglieder der Roerich-Familie war Oberhaupt der Tempelritter im dreizehnten Jahrhundert; aber auch Heerführer und Politiker waren unter ihnen; so auch ein schwedischer Offizier, der im Russisch-Schwedischen Krieg gegen Peter den Großen kämpfte. Seine Nachkommen behielten den Lutherischen Glauben bei und ließen sich im Nordwesten Rußlands nieder.

Einer jener Nachkommen war Konstantin Fyodorowitsch Roerich. Er wurde in einer Stadt im heutigen Lettland an der Ostsee geboren. Im Jahre 1860 heiratete er Maria Wasiliewna Kalaschnikowa, deren Abstammung bis nach Pskow ins zehnte Jahrhundert zurückreicht, und nahm seine Frau mit nach St. Petersburg. Konstantin Roerich hatte den Beruf des Rechtsanwalts erlernt und eröffnete als Notar eine Kanzlei in der Beletage ihres Hauses, einer ansehnlichen Stadtresidenz am Nikolaewsky Ufer (heute Universitätsgelände) mit Ausblick auf die Newa.

Seine Kanzlei war ein Erfolg und zog wohlhabende Klienten an, die ihm Testamentserklärungen, Erbverteilungen und andere wichtige notarielle Angelegenheiten anvertrauten. Im Jahre 1872 wurde er als erfolgreicher und angesehener Mann Notar am Bezirksgericht von St. Petersburg.
Die Roerich-Familie in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Von links nach rechts: Maria Wasiliewna, Boris, Lidia, Konstantin Fyodorowitsch und Nicholas.
Die Roerich-Familie in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Von links nach rechts: Maria Wasiliewna, Boris, Lidia, Konstantin Fyodorowitsch und Nicholas.

Am Ende eines jeden langen Arbeitstages kehrte Konstantin Roerich in die geräumige Wohnung der Familie im zweiten Stockwerk des Hauses am Ufer der Newa zurück. Dort hatte Maria Roerich eine warme und einladende Atmosphäre geschaffen und entschied genauso kompetent über die Angelegenheiten des Hauses, wie ihr Gatte über das Geschäft. Abends kamen häufig Gäste zu Besuch. Die Themen dieser Abende waren wohl unter anderem die Abschaffung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander H. im Jahre 1861; die Gesetzesreformen, die nur drei Jahre später in Kraft traten und die die Einrichtung unabhängiger Gerichte in Rußland zuließen; aber vielleicht auch die neuesten Studien der Freien Gesellschaft für Wirtschaft1 - all jene Neuerungen, die der liberal denkende Konstantin Roerich so vehement unterstützte. Seine Interessen waren jedoch nicht nur auf das Recht und die Politik beschränkt, wie die zahlreichen Hausbesuche von Wissenschaftlern, Gelehrten und Künstlern bei den Roerichs belegen. Unter den Gästen befanden sich auch der bekannte Chemiker Dimitri Mendeleyew, der berühmte Historiker und Folklorist Nikolai Kostomarow, die Orientalisten Golstunsky und Podzdneyew, die vielleicht gerade von einer ihrer Reisen in die Mongolei oder in den Himalaya zurückgekehrt waren, und auch der Maler und Bildhauer Mikhail Mikeschin.
Das Anwesen in Iswara.
Das Anwesen in Iswara.

Am 9. Oktober (27. September nach dem alten Kalender) 1874 erhielt Konstantin Roerich Glückwünsche zur Geburt seines ersten Sohnes. Der Junge wurde von der russisch-orthodoxen Kirche, der Konfession seiner Mutter, getauft. Der Priester tauchte das kleine Kind in die Taufschale, legte ein goldenes Kreuz um seinen Hals und gab ihm den Namen Nikolai (Nicholas), der soviel wie "ein Sieger" bedeutet. Somit wurden das uralte nordische Erbe seines Vaters und die reine russische Abstammung seiner Mutter in dem Namen Nicholas Roerich vereinigt.

Nicholas, seine jüngeren Brüder Boris und Wladimir sowie deren ältere Schwester Lidia wuchsen gemeinsam in der großen, behaglichen Wohnung am Universitätsufer auf. Von ihren Fenstern konnten sie die Schiffe beobachten, die aus allen Teilen der Welt auf ihrem Weg in oder aus dem nahegelegenen Bottnischen Meerbusen auf der Newa entlangsegelten; und sie sahen auch die Bronzestatue Admiral Kruzensterns, dem ersten Russen, der die Welt umsegeln sollte. Ihr Großvater väterlicherseits, Fyodor Iwanowitsch Roerich, lebte zusammen mit der Familie bis zu seinem Tode im Alter von 105 Jahren. Seine Großenkel waren fasziniert von seiner Sammlung mysteriöser Freimaurersymbole, die sie anschauen aber niemals berühren durften. Sogar im hohen Alter benötigte Fyodor Roerich noch keine Brille, und er rauchte so viel, daß er von allen eine "wandelnde Tabakfabrik" genannt wurde.

Die Kinder besuchten oft ihre Großmutter mütterlicherseits in Ostrow, einer alten Festungsstadt in der Nähe von Pskow, wo sie "Straßenräuber" spielten (eine russische Variante des Räuber und Gendarm-Spiels) und von den Himbeeren aus dem großen, überwucherten Garten ihrer Großmutter aßen. In eine goldfarbene Rüstung aus Pappe, einem Geschenk seines Onkels, schwang Nicholas ein kupferfarbenes Holzschwert und stellte sich vor, er wäre ein heldenmutiger Wikinger oder ein kühner russischer Kämpfer, der unerschrocken gegen Drachen kämpfte.

Die Sommer- und Winterferien verbrachte er auf dem Landsitz der Familie in Iswara, etwa achtzig Kilometer südwestlich von St. Petersburg in der Nähe des Städtchens Wolosowo. "Alles Besondere, alles Schöne und Erinnerungswürdige ist mit den Sommermonaten in Iswara verbunden", erinnerte er sich später.2 Konstantin Roerich hatte das Anwesen im Jahre 1872 erworben. Sein ursprünglicher Besitzer, Graf Semyou Worontsow, russischer Gesandter am Hofe in London und Wien während der Regentschaft Katharinas der Großen und Zar Pauls I., hatte seinen Besitz nach seinen Reisen durch Indien "Iswara" getauft. Es ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet "Herr" oder "Göttlicher Geist". Im Wohnraum des Herrenhauses in Iswara hing hoch über den Kopien von Gemälden der holländischen "kleinen Meisten ein Bild, das einen herrlichen schneebedeckten Berg im Licht der untergehenden Sonne zeigte. Erst viele Jahre später entdeckte Nicholas Roerich, daß es sich bei diesem Berg um keinen anderen handelte, als um den heiligen Berg des Himalaya, den Kanchenjunga.

Iswara hatte eine Größe von etwa 3000 Morgen und war sehr ertragreich. Zusätzlich zu dem zweistöckigen, aus weißem Stein erbauten Haus gab es einen Kornspeicher, einen Stall mit dreißig Pferden, einen Kuhstall, eine Hühnerzucht, eine Destille sowie eine Schmiede; am Fluß hatte man dazu noch eine Wasser- und Windmühle, eine Molkerei und ein Forellenzuchtbecken eingerichtet.
Kanchenjunga, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 70 x 108 cm, Nicholas Roerich Museum, New York. Eines von vielen Gemälden Roerichs, die den heiligen Berg des Himalaya zeigen, den er zum ersten Mal in Iswara gesehen hatte. N.Roerich
Kanchenjunga, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 70 x 108 cm, Nicholas Roerich Museum, New York. Eines von vielen Gemälden Roerichs, die den heiligen Berg des Himalaya zeigen, den er zum ersten Mal in Iswara gesehen hatte.

Während Konstantin Roerich damit beschäftigt war, seinen großen und zuweilen mürrischen Stab an Landarbeitern zu beaufsichtigen, spielten die Kinder im Garten und durchstreif ten den Besitz. Die Umgebung von Iswara - die moosbewachsenen Hügel, die Felder mit ihren verstreuten Felsen, die uralten Tumuli, der tiefe, dunkle Wald am Horizont, die sich schlangelnden Flußläufe und kühlen Seen und die phantastischen, scheinbar lebenden Wolkenformationen an einem gewaltigen, transparenten Himmel - all das entfachte in dem jungen Nicholas eine tiefe, lebenslange Liebe zur Natur und besonders zur Landschaft des russischen Nordens.

Nicholas' Liebe zur Geschichte wurde ebenfalls in Iswara entflammt. In der Bibliothek des Hauses standen mehrere Kinderbücher über die Geschichte Rußlands, und sobald er lesen konnte, faszinierten ihn die Geschichten von weisen Fürsten, tapferen Kämpfern, heiligen Märtyrern und die atemberaubenden Schlachten gegen ungläubige Eindringlinge aus dem Osten.

Eine von Nicholas' glücklichsten Kindheitserinnerungen war die Musik. In seinen Memoiren, den Tagebuchblättern, erinnert er sich, daß ein blinder alter Klavierstimmer das große Piano im Wohnraum der Roerichs zu stimmen pflegte. Er war ein ausgezeichneter Musiker und spielte für gewöhnlich ein oder zwei Stücke nach seiner Arbeit. Wie ungeduldig Nicholas darauf wartete, daß der Mann zu spielen begann, und wie beeindruckt er war, daß ein blinder Mensch Klavier spielen konnte!

Die Roerichs hatten Saisonkarten für die Oper, und schon im Kindesalter tendierte der Geschmack ihres ältesten Sohnes zur Musik des Ostens; er mochte sehr Glinkas Ein Leben für den Zaren und Ruslan und Lyndmila und zog sie Verdis Rigoletto und La Traviata oder auch Donizettis Lucia di Lammermoor vor, die ihm irgendwie fremdartig erschienen. Mehr dagegen mochte er Verdis Aida sowie Meyerbeers Die Afrikanerin mit ihrem afrikanischen Chor, der von den indischen Göttern Brahma und Vishnu sang.3

So wie es Sitte war für die Kinder der russischen oberen Mittelschicht im 19. Jahrhundert, wurde Nicholas Roerich bis zum Alter von neun Jahren von Privatlehrern unterrichtet und für die Aufnahme in das Gymnasium vorbereitet. St. Petersburg hatte zahlreiche private und öffentliche Gymnasien, billige als auch teuere, von denen einige aufgrund ihrer akademischen Güte oder ihrer strengen, beinahe militärischen Disziplin sogar in ganz Rußland einen Namen hatten. Konstantin Roerich entschied, seine Kinder an eine der besten und teuersten Privatschulen von St. Petersburg, dem Karl von May-Gymnasium, anzumelden. Im Jahre 1883 bestand Nicholas die Aufnahmeprüfungen mit Leichtigkeit - ja so gut, daß von May persönlich rief: "Vor uns steht ein zukünftiger Professor."4

An jedem Morgen seines Schulalltags wachte der zukünftige Professor" zeitig vor dem Morgengrauen auf, nahm sein Frühstück im Schein einer Kerosinlampe zu sich und machte sich zu Fuß auf den kurzen Weg zur Schule; seinen Schulranzen trug er auf dem Rücken; sein blondes Haar war vor dem kalten, feuchten Wetter in St. Petersburg mit einer "Bashlyk", in eine Kappe mit langen Ohrschützern gehüllt, die er sich eng um den Hals geschlungen hatte. Im Schulgebäude stand oben an der Treppe zu den Klassenräumen ein kleiner, bärtiger alter Mann mit einer goldgerahmten Brille, einem langen Gehrock und einem gelben Taschentuch, das fröhlich aus seiner Brusttasche schaute. Dieser Mann, der jeden seiner Schüler mit einem Handschlag begrüßte, war Karl von May, und die Art, wie er jeden Schüler persönlich begrüßte, sagte viel über die Schule aus, die er leitete, nämlich mit "einem offensichtlichen Respekt gegenüber der Individualität eines jeden Schülers", wie ein Ehemaliger, der Künstler und Kunsthistoriker Alexander Benois später schrieb.5

Der Lehrplan war streng. Die meisten Fächer wurden in Deutsch gelehrt, doch die Schüler, "May-Käfer", wie jeder sie nannte, wurden auch in Latein, Griechisch, Englisch und Französisch unterrichtet. Nicholas Roerich war ein ernster, eifriger Schüler und zeichnete sich in allen Fächern mit hervorragenden Leistungen aus; diese reichten von der Algebra bis zur Religion; die Geographie jedoch, die von May persönlich unterrichtete, war sein liebstes Schulfach. Der Professor ließ seine Schüler große, farbige Landkarten von Ländern und Kontinenten zeichnen. Die Schöpfung der Berge, der Welt, ihrer Flüsse, Ebenen und Wüsten mit seinen eigenen Händen beflügelte Roerichs Phantasie von fernen, exotischen Ländern. Sein Interesse wurde von seiner Familie gefördert und sogar noch bereichert, wenn er mit Entzücken den Geschichten lauschte, die von seinen Eltern und den Orientalisten Golstunski und Pozdneyew erzählt wurden. Sie handelten von den alten Karawanen, die die Gebirge und Wüsten Zentralasiens durchquerten, von der reichen Kultur der Nomadenstämme Asiens und von dem legendären asiatischen Helden Gesar Khan, einem Propheten der Zukunft und Beschützer seines Volkes.

Ein weiterer Bekannter der Familie, der auf Nicholas einen starken Einfluß ausübte, war der Archäologe L. K. Iwanowsky. Kurz nachdem der Junge auf die Schule gekommen war, kam Iwanowsky nach Iswara. Er führte Ausgrabungen bei den Grabhügeln in der Region von Wolosowo durch und lud Nicholas ein, ihn zu begleiten. Das Erlebnis, alte verrostete Schwerter und Äxte, bronzene Halsketten, Tonscherben und andere Artefakte auszugraben, die vielleicht einst den klassischen Helden aus seinen Kinderbüchern gehört hatten, belebte noch einmal die Vergangenheit und machte sie für ihn zu einer lebendigen Realität. "Meine ersten Grabfunde", so schrieb er dann viele Jahre später, "fielen nicht nur zeitlich mit meinen geliebten Geschichtsstunden zusammen, sondern sie liegen in meiner Erinnerung nahe der Geographie und Gogols fantastischer Geschiehtsdichtung."6 Der junge Roerich schien instinktiv die Verbindung von Fachgebieten zu fühlen, die so auseinanderliegen wie Archäologie und Literatur - oder, allgemeiner ausgedrückt, er fühlte die Synthese von Wissenschaft und Kunst -, die Synthese, die der Schlüssel zur Philosophie seines späteren Lebens werden sollte.

Der anfängliche Wunsch, in direkten körperlichen Kontakt mit der Erde und den Gegenständen aus der uralten Vergangenheit zu kommen, entwickelte sich zu einer lebenserfüllenden Berufung. Als er noch ein "May-Käfer" war, bat Roerich um die Genehmigung, eigene archäologische Studien in der Umgebung von Iswara durchzuführen und bekam schließlich von der Kaiserlichen Archäologischen Gesellschaft die Erlaubnis dafür. Er ging sehr professionell an seine Arbeit und machte genaue Aufzeichnungen über Name, Ort, Größe und die Funde jeder Ausgrabungsstätte. Er fand es hilfreich, Zeichnungen von den Grabhügeln und den Objekten, die er in ihnen fand, anzufertigen. Mit nur einigen wenigen Zeichenstrichen war er in der Lage, präzise Darstellungen des Querschnitts eines Tumulus, der Lage eines Skelettes, der Form einer Perle oder der Ausführung von Ornamenten zu erstellen.

Roerich beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Sammeln und Katalogisieren archäologischer Funde; er stellte auch Sammlungen von Pflanzen und Mineralien zusammen und führte Vogelstudien in der Umgebung von St. Petersburg durch, indem er sie in Unterarten, Arten und Familien einteilte. Im April 1892 wurde er vom Forstamt St. Petersburgs beauftragt, das ganze Jahr hindurch Vogeleier für wissenschaftliche Zwecke im öffentlichen Forst der Stadt zu sammeln.

Trotz all dieser Aktivitäten fand Roerich noch Zeit für seine Lieblingssportarten, dem Reiten und Jagen. Eigentlich hatte er mit dem Jagen auf Verordnung des Arztes begonnen. In jedem Herbst nämlich, wenn die Roerichs von Iswara in die "Sümpfe von St. Petersburg"7 zurückkehrten, erkrankte Nicholas an einer Bronchitis. Nach seinem dritten Schuljahr schließlich verordnete ihm der Hausarzt eine Radikalkur. Er ordnete an, er solle sich im Winter viel an der freien Luft aufhalten und machte ihm auch den Vorschlag, auf die Jagd zu gehen. In Begleitung eines Vertrauten aus Iswara, "einem bärenstarken Manne mit ebensolcher Liebe zur Jagd und zur Natur", jagte Nicholas auf Skiern nach Füchsen, verfolgte die Fährten von Luchsen und sandte die Förster des Anwesens auf die Suche nach Bärenhöhlen.8
Iwan, der Waldlaefer, 1894. Zeichung ca. 11,5 x 9,5 cm. N.Roerich
Iwan, der Waldlaefer, 1894. Zeichung ca. 11,5 x 9,5 cm. N.Roerich.

Seine Liebe zur Jagd inspirierte ihn zum Schreiben von kurzen Impressionen und Geschichten über die Wunder der Natur, gesehen durch die Augen des Jägers zu allen Tagesund Jahreszeiten. Ganz unähnlich Turgenjews Impressionen eines Sportlers, einem Klassiker der russischen Literatur dieses Genres, steht in Roerichs frühen Essays die Harmonie der Natur nicht im Gegensatz zur Disharmonie der menschlichen Gesellschaft, sondern feiert vielmehr die Einheit des Menschen mit der ihn umgebenden Natur. Diese frühen literarischen Versuche zeigen die ungewöhnliche Sensibilität für das visuelle Erleben - dem Spiel von Licht und Schatten in den Bäumen oder der natürlichen Farbe des Winterhimmels.

Einige von Roerichs Werken über die Jagd wurden in den Magazinen Der Russische Jäger und Natur und Jagd veröffentlicht. Einer dieser Essays war eine scharfe Kritik eines Buches über Bussarde und Krähen. In der völligen Beherrschung des Themas und nicht ohne eine Spur seines "Gelehrtengeistes", zitierte und korrigierte der zukünftige Professor" jede irrtümliche Behauptung, die der Autor aufgestellt hatte.
Junger Fuchs, 1894. Zeichung ca. 11,5 x 9 cm. N.Roerich
Junger Fuchs, 1894. Zeichung ca. 11,5 x 9 cm. N.Roerich

Roerich füllte ungezählte Notizblöcke mit seinen eigenen Vorstellungen. Neben seinen Eindrücken von der Jagd verfaßte er Gedichte, Geschichten und Theaterstücke über Themen der russischen Geschichte wie Igors Kampf und Olgas Rache für seinen Tod.

Nicholas' Eltern hielten ihn nicht von seinen vielfältigen Interessen ab, denn sie wußten, daß, wenn er sich erst einmal mit etwas Neuem beschäftigte, ob dies nun Archäologie, Mineralogie oder die Jagd war, er dieses weder halbherzig betreiben noch die Schule vernachlässigen würde. Diese Fähigkeit, Zeit für eine Vielzahl von Dingen gleichzeitig zu finden, ohne aber seine Profundität einzubüßen, war eine Eigenschaft, die ihn sein ganzes Leben über auszeichnete.

Da ihr ältester Sohn sich nun so vielversprechend auf verschiedenen Gebieten entwickelte, legten Konstantin und Maria Roerich kein besonderes Augenmerk auf sein künstlerisches Talent. Der junge Nicholas malte sehr viel; Pferde und Landschaften von Iswara, Portraits von Freunden und von Karl von May, entwarf die Ausstattungen für Schulaufführungen, zeichnete Impressionen von Grabhügeln und archäologischen Funden und entwarf natürlich auch einfallsreiche Landkarten für seine Klasse und sein Lieblingsfach Geographie. Es war der Künstler Mikhail Mikeschin, ein Freund von Konstantin Roerich, der als erster die Begabung von Nicholas erkannte und ihn ermutigte, weiter in dieser Richtung zu arbeiten.9

Als Mikeschin erfuhr, daß Nicholas niemals zuvor Zeichenunterricht gehabt hatte, bot er ihm an, Stunden zu geben, und wurde so sein erster Kunstlehrer. Mikeschin unterstützte ihn auch, als Nicholas seinen Eltern ankündigte, daß er nach dem Abschluß des Gymnasiums die Absicht habe, die Kaiserliche Kunstakademie zu besuchen und eine Karriere als Künstler zu verfolgen. Konstantin Roerich war nicht erfreut über die Absichten seines Sohnes und versuchte, ihn von seinem unpraktischen Vorhaben abzubringen. Er hatte sich immer vorgestellt, daß Nicholas die Rechtsfakultät an der Kaiserlichen Universität besuchen würde, um später dann die erfolgreiche Kanzlei seines Vaters zu übernehmen. Aber mit Unterstützung von Mikeschin gelang Nicholas ein Kompromiß: Sein Vater würde ihm erlauben, die Kunstakademie zu unter der Bedingung zu besuchen, daß er sich gleichzeitig an der Fakultät für Recht einschreiben ließe.

Im Jahre 1893 schloß Nicholas Roerich im Alter von 18 Jahren das Karl von May-Gymnasium mit den erforderlichen Prüfungen ab, die er benötigte, um sowohl die Kunstakademie als auch die Rechtsfakultät an der berühmten Kaiserlichen Universität am Ufer der Newa zu besuchen.

 


Anmerkungen

1.Die Freie Gesellschaft für Wirtschaft wurde im]ahre 1765 von Katharina der Großen mit dem Ziel der Verbesserung der wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Bedingungen in Rußland gegründet.

2.N. K. Rerikh: iz literaturnogo naslediya (Moskau 1974), S. 79.

3.N. K. Rerikh: iz literaturnogo naslediya (Moskau 1974), S. 82.

4.E. I. Polyakova; Nikolai Rerikh (Moskau 1973), S. 9.

5.L. V. Korotkino; Rerikh v Peterburge-Petrograde (Leningrad 1985), S. 13-14.

6.N. K. Rerikh: Iz literaturnogo naslediya, S. 84.

7.Peter der Große hatte den Bau der Stadt mit seinem Namen am Sumpfgebiet in der Nähe des Bosnischen Meerbusens befohlen.

8.N. K. Rerikh: Iz literaturnogo naslediya, S. 94.

9.Mikeschin wurde besonders dadurch bekannt, daß Bildhauerarbeiten nach seinen Entwürfen angefertigt wurden, die noch heute in ganz Rußland zu finden sind. Aber er war auch Maler, Buchillustrator und Herausgeber einer Zeitschrift.

 

 


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