Das Buch
"Nikolas Roerich - Leben und Werk eines russischen Meisters"
von Jacqueline Decter

Inhalt
1. DANKSAGUNG UND VORWORT
2. DIE FRÜHEN JAHRE
3. DIE STUDIENZEIT
4. DIE WELT DER KUNST
5. DIE STEINZEIT
6. DAS THEATER
7. ÜBERGANG
8. AMERIKA
9. DAS HERZ VON ASIEN
10. KULU

DIE STUDIENZEIT

Als Nicholas Roerich im Jahre 1893 seine Zeit an der Kaiserlichen Kunstakademie begann, war diese gerade radikalen Reformen unterworfen, die von der allgemeinen Unruhe im Bereich der Künste in den neunziger Jahren ausgelöst wurden. In der russischen Literatur zum Beispiel war eine neue Generation von Dichtern herangewachsen, die von Valery Bryu-sow angeführt wurde und die den Realismus in der Kunst mit seiner klaren sozialen Botschaft ablehnte und dagegen die Ästhetik der europäischen Fin-de-siecle-Poesie vertrat. Von ihren Gegnern als "dekadent" bezeichnet, nannten diese Künstler sich Symbolisten und vertraten neben einem neoromantischen Individualismus die Haltung des L'art pour l'art. Sie versuchten die Formen der Poesie zu verfeinern, eine Art verbaler Musik zu kreieren und eine Synthese von Schönheit und religiöser Wahrheit zu erschaffen. Das Interesse an fernen Zeiten und Orten ist neben ihrer Neigung zum Metaphysischen und Mystischen für viele der russischen Symbolisten als charakteristisch zu bezeichnen.
Roerich mit Wladimir Stasow im Gelehrtenzimmer der Öffentlichen Kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg, Ende der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts.
Roerich mit Wladimir Stasow im Gelehrtenzimmer der Öffentlichen Kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg, Ende der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Doch mit der Bildung von Mir Iskusstwa ("Die Welt der Kunst"), einer Gruppe junger Künstler, geleitet von dem Kunstkritiker und zukünftigen Impresario Sergei Diaghilew, sollte auch die "Dekadenz" ihren Einzug in die Welt der Kunst halten. Im Jahre 1893 jedoch waren Diaghilew und viele der Künstler, die ihn später unterstützen sollten, noch Studenten, und die Reformen, die die Grundmauern der Kunstakademie erschütterten, waren somit nicht das Ergebnis eines Studentenprotests, sondern der Höhepunkt eines dreißig Jahre langen Kampfes zwischen der Führung der Akademie und den sogenannten Peredwischniki (Wanderaussteller), der führenden Kunstbewegung der siebziger und achtziger Jahre des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Der Kampf ging um die Frage der künstlerischen Freiheit und begann im Jahre 1863, als vierzehn abgehende Studenten einen Streik ausriefen und sich weigerten, das konventionelle akademische Thema zu behandeln, das als ihr Abschlußthema ausgewählt worden war. Als ihr künstlerisches Ziel verkündeten sie die lebensnahe Darstellung des zeitgenössischen Lebens. Ohne von offizieller Seite der Akademie beachtet zu werden, organisierten sie Reise- oder Wanderausstellungen mit ihren Werken.

Diese Ausstellungen - mit ihren Gemälden aus dem städtischen Milieu, die das Mitgefühl für die Armen ausdrückten und die Reichen verdammten, mit ihren Darstellungen des elenden Bauernlebens, ihren Portraits, die so lebensnah das Wesen des Modells einfingen, und ihren Landschaften von russischen Feldern und Wäldchen - wurden so populär, daß die Werke der Peredwischniki zunehmend auf Ausstellungen der Kunstakademie neben traditionellen Gemälden mit biblischen oder klassischen Themen gezeigt wurden. Ironischerweise war die Akademie erst in den neunziger Jahren bereit, den ursprünglichen Forderungen der Peredwischniki nachzugeben; zu einer Zeit, als die Popularität dieser Bewegung schon längst nachließ. Das System, das allen Studenten nur ein Thema in der Abschlußprüfung gestattete, wurde abgeschafft. Jeder Student hatte nun die Freiheit, sein eigenes Thema für die abschließende Prüfung zu wählen und hatte somit mehr Zeit für eine unabhängige Arbeit. Einige der bekannten Peredwischniki, unter ihnen auch Ilya Repin und Arkhip Kuindschi, wurden nun eingeladen, um Studenten der Oberklasse in ihren eigenen Studios zu unterrichten, und die Studenten hatten die Möglichkeit, beim Professor ihrer Wahl zu lernen.

Diese Neugestaltung versprach, die Akademie von einer Schule, die nur der Ausbildung diente, in eine flexiblere und kreativere Institution zu verwandeln, in der das Talent eines jeden Studenten gleichermaßen gefördert wurde. Die Inschrift - DEN FREIEN KÜNSTEN GEWIDMET - über dem Hauptportal des herrlichen Palastes, der die Kunstakademie beherbergte, war niemals zuvor treffender gewesen.

Nur wenig konnte Roerich davon ahnen, welche tiefgehenden Folgen die Akademiereformen auf sein eigenes Schaffen haben sollten, als er von seinen Rechtskursen in die Kunstklassen stürmte. Er mußte zuerst noch die erforderlichen Kurse in Figurenzeichnen, Arbeiten nach Gipsmodellen berühmter Skulpturen und lebenden Modellen absolvieren. Er studierte das Zeichnen von Figuren bei Pawel Tschistyakow, der zwar nur ein mittelmäßiger Künstler, aber dafür ein hervorragender Lehrmeister war. Ganze Generationen von Studenten profitierten von seinen Vorlesungen, darunter auch solche großen Künstler wie Repin, Wasily Surikow, Valentin Scrow und Mikhail Wrubel. Mit seiner lebhaften, volkstümlichen Sprache war er in der Lage, die meisten erlernbaren Prinzipien der Kunst zu vermitteln. Einmal hielt er vor Roe-richs Staffelei inne und sagte: "Gut, nur ist es schrecklich schwerfällig [wörtlich: wie ein Baumstamm]."1 Tschistyakows Kommentar blieb nicht ohne Folgen. Roerich versuchte alles, um die Ratschläge Tschistyakows zu befolgen, aber von Anfang an war seine Maltechnik seine wohl größte Schwäche gewesen.

Neben den Kursen in Recht und Geschichte kam Roerich auf der Universität auch mit einem literarischen Journal in Kontakt, nicht jedoch als Autor, sondern als Illustrator. Er veröffentlichte auch Illustrationen in Literatur- oder Kunstjournalen, wie zum Beispiel in der Zwedzda (Der Stern) und Wsemirnaya Illyustratsiya (Die Welt im Bild). Diese Arbeit kam ihm sowohl als Geldquelle als auch als Möglichkeit gelegen, Erfahrungen zu sammeln. Obwohl er von seinem Vater unterstützt wurde, wollte er sein Geld zur Finanzierung seines Kunststu diums nicht annehmen, da Konstantin Roerich noch immer nichts vom Kunststudium seines Sohnes hielt. Neben den Illustrationen fand Nicholas noch andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Er übernahm in einigen Kirchen die Ikonenmalerei und schrieb für verschiedene Zeitungen Artikel über Kunstausstellungen.

Genauso wie in seiner Schulzeit, gelang es Nicholas, seine Zeit so einzurichten, daß er alle Klassen und Vorlesungen besuchen und zusätzlich noch arbeiten konnte. In einem Moment der Erschöpfung mußte er zugeben: "Ich glaube, ich bin dazu auserkoren, mein ganzes Leben in Hast und Eile zu verbringen, und ich frage mich, ob ich jemals die Zeit zu Sterben haben werde."2 In seinem Eifer und seinem Ernst unterschied er sich sehr von seinen Klassenkameraden an der Akademie und der Universität. Einer von ihnen sagte einmal zu ihm:

"Du weißt, daß du ganz anders bist als wir. [Wir] sitzen vor dem Unterricht zu Hause herum, trinken Tee und schwatzen miteinander, aber du, du scheinst immer nur zu arbeiten und nachzudenken."3

Obwohl Roerich während seiner Universitätszeit einige enge Freundschaften aufbaute, blieb sein Wesen für viele seiner Bekannten ein Rätsel. Er hatte eine freundliche und zuvorkommende Art, war jedoch sehr reserviert. Einige interpretierten diese Reserviertheit als Arroganz, andere als Gefühlskälte. Der Künstler Stepan Yaremitsch, der Roerich später gut kennenlernte, analysierte seinen Charakter vielleicht am besten:

Er ist von Natur aus zu reserviert; jedoch nicht reserviert im Sinne von Verschlossenheit. Seine Reserviertheit kommt eher einer selbst gewählten Einsamkeit gleich und wird ausgedrückt in seinem ungewöhnlichen Taktgefühl und seiner Sensibilität anderen Menschen und Beziehungen gegenüber.

"Als er einmal ein Gespräch führte, verglich sich der Künstler... mit einer Blume, die nicht berührt werden will. Bei der geringsten Berührung verschließt sie sich wieder. Dies ist wohl eine zutreffende Analogie. Obwohl er so vertrauensselig und tolerant wie ein Kind ist, versteckt er sich in seiner Schale, sobald jemand sich ihm in ungewohnter Weise nähert, und dann ist es mit seiner aufrichtigen Offenheit zu Ende. Was davon übrigbleibt ist eine gewöhnliche Beziehung, oberflächlich und höflich, aber zur gleichen Zeit kühl und zutiefst gleichgültig. Diese Art der Distanzierung rührt teilweise von einem deutlich ausgeprägten Selbsterhaltungssinn und von der Angst her, sein emotionales Gleichgewicht zu verlieren, primär jedoch von einer reifen Beurteilungsgabe und einem Unwillen, sich zu profanisieren. Persönlichkeiten wie Roerich sind selten und immer um die Einheit und Ganzheit ihrer Weltanschauung bestrebt, welche gewöhnlicherweise bereits im frühen Kindesalter entwickelt wird."4

Als Roerich den Kurs im Malen von lebenden Modellen abgeschlossen hatte, waren die Auswirkungen der Reformen bereits zu spüren, und der Moment war für ihn gekommen, den Professor zu wählen, in dessen Studio er sein Studium bis zum Abschluß fortführen würde. Das Studio für Historienmalerei sollte von Repin, das für Landschaftsmalerei von Kuindschi geleitet werden. Da Roerich ein so großes Interesse an Geschichte und Archäologie hatte, wurde er natürlich von dem Genre der Historienmalerei angezogen und entschied, sich in Repins Studio vorzustellen. Er nahm einige seiner Werke und zeigte sie dem großen Künstler. Zu seiner Freude meinte Repin, daß er sich geschmeichelt fühlen würde, ihn in seinem Studio aufnehmen zu können, sagte ihm aber auch, und dies sehr zu Roerichs Enttäuschung, daß die Klasse bereits voll belegt war.

Aufgrund dieses simplen Quotenproblems - oder war es Schicksal - wurde Nicholas nun in das Studio von Arkhip Iwanowitsch Kuindschi geführt. Viel später erst äußerte sich Roerich zu dem Einfluß, den dieser bekannte Maler von verführerisch schönen, schwermütigen Landschaften auf ihn haben sollte: "Arkhip Iwanowitsch wurde nicht nur im Malen mein Lehrer, sondern auch im Leben."5 Roerich verglich seine Beziehung zwischen ihm und Kuindschi mit dem heiligen Verhältnis zwischen Meister und Schüler, oder Guru und Chela, wie man im Osten sagt.

Kuindschi wurde in eine arme Familie griechischer Abstammung hineingeboren und verlor schon im Kindesalter seine Eltern. Er brachte sich selbst das Malen bei, verdiente sich seinen mageren Unterhalt als Retoucheur für Photographien und versuchte die Aufnahmeprüfungen der Kunstakademie zu bestehen, scheiterte jedoch mit seinen Bemühungen. Im Jahre 1868 stellte er eines seiner Gemälde in der Akademie aus und bekam schließlich den Künstlertitel verliehen. Er begann seine Werke auf den Ausstellungen der Peredwischniki einem Publikum zu zeigen. Die Nachfrage nach den Werken war bald so groß, daß er wohlhabend wurde. Obwohl er in der Lage gewesen wäre, im Übermaß zu leben, zog er es vor, sein Geld bedürftigen Kunststudenten zu stiften und zahlte ihnen, ohne seinen Namen zu nennen, die Schulkosten, so daß sie nicht erfuhren, wer ihr Gönner war.

Seine Gutmütigkeit war auch auf Tiere, im besonderen auf Vögel ausgedehnt. In seinem Haus richtete er ein Heim für Vögel und Katzen ein. Jeden Mittag konnte man ihn auf seinem Dach finden. Immer wenn die Kanone der Peter-Paul-Festung zu dieser Stunde abgefeuert wurde, ließ sich eine Wolke von Vögeln auf seinem Dach nieder und fiel über zurechtgeschnittene Fleischstückchen, Brot und Körner her, die er für sie bereithielt. Dieser Mann, der nie seine Studien aufgegeben hatte, verlangte auch nicht mehr von seinen Studenten. Er war scharf in seiner Kritik, aber drängte niemals anderen seinen Geschmack auf. Nachdem er die Arbeit eines Studenten kritisiert hatte, pflegte er gewöhnlich seine Worte mit einem beschwichtigenden Kommentar zu sänftigen: "Doch jeder muß seiner eigenen Meinung nachgehen, sonst würde es in der Kunst keine Entwicklung geben."6

Die Studenten wurden von seinen künstlerischen Visionen und seinem Blick für die Einheit von Land und Meer, Sonne und Himmel inspiriert. Die Wanderlust ergriff sie, und in den Sommermonaten reisten sie in alle Teile der Welt - nach Griechenland, auf die Krim, an die Ostsee, zum Polarkreis - und versuchten dort, die Schönheit der Steppenlandschaften, der Sonnenaufgänge und der Meere des Nordens und des Südens in ihren Bildern einzufangen.

Roerich spürte in sich eine tiefe Resonanz auf Kuindschis künstlerische Ansätze. "Ein Bild muß eine Innerlichkeit besitzen", sagte der Professor oft. "Die Komposition und die Technik eines Bildes müssen dieser Innerlichkeit untergeordnet sein. Füllt nicht die Leerräume auf der Leinwand mit Einzelheiten, die keine Beziehung zum Gegenstand des Bildes haben."7 Diese Prinzipien blieben während Roerichs gesamter Karriere ein zentraler Leitfaden seiner Malerei.

Obwohl sich Roerich für die Landschaftsmalerei bei Kuindschi eingeschrieben hatte, blieb die Historienmalerei sein primäres Interesse. In diesem Genre wurde er hauptsächlich von Victor Wasnetsow beeinflußt. Während Surikow und Repin sich darauf konzentrierten, geschichtliche Ereignisse aus dem Rußland des 16. und 17. Jahrhunderts darzustellen, war das Thema Wasnetsows nicht nur das alte oder vorgeschichtliche Rußland, sondern "die Zeit, als die Bogatyrs (Helden) aus den Byliny (Volksepen) an den entferntesten Grenzen der Kiewer Rus Wache standen, als die Luft noch nicht von Bleikugeln erfüllt war, sondern gefiederte Pfeile sie durchschnitten".8 Sein Ziel war es nicht, das Alltagsleben dieser Zeit wiederauferstehen zu lassen, sondern vielmehr seine Legenden und Märchen im Bild festzuhalten. Wie auch die anderen geschichtlichen Maler seiner Generation, war Wasnetsow bis hin zu dem Brokat der Kleider, die von den Prinzessinnen des Königreiches der Unterwelt getragen wurden, und den Zeichnungen auf den Köchern der Bogatyrs peinlich genau im Umgang mit dem Detail.

Roerichs frühe Gemälde ähnelten im Thema und in der exakten Übertragung von Details sehr denen von Wasnetsow. Das erste Gemälde, das ihm Anerkennung brachte, war Der Waräger in Tsargrad (1895). Es zeigte einen Wikinger Krieger mit einem langen Schnurrbart, der in ein Kettenhemd gekleidet sich auf einer Streitaxt abstützte. Dieses Bild wurde von der Presse hoch gelobt, und sehr zu Roerichs Überraschung wollte ein Kunstsammler es sogar erwerben, als es auf einer Studentenausstellung in der Akademie gezeigt wurde. Der Kurator des Akademiemuseums erkundigte sich bei Roerich nach dem Preis des Werkes. Der junge Künstler schlug daraufhin schüchtern einen Preis von 80 Rubeln vor, worauf der Kurator lächelte und sagte: "Betrachte es als bereits verkauft."

Roerichs Studien seiner geliebten Geschichtsthemen führten ihn auch in die Kaiserliche Staatsbibliothek. Dort verbrachte er Stunde um Stunde über der Letopis (der uralten russischen Geschichtschronik) und Büchern über das Leben der Heiligen. Dort war es auch, wo er im Jahre 1895 den großartigen Historiker Kunst-, Musik- und Literaturkritiker Wladimir Wasiliewitsch Stasow kennenlernte, der über einige Jahrzehnte einen starken Einfluß auf das künstlerische Leben in St. Petersburg ausübte. Als Leiter der Kunstabteilung der Bibliothek war Stasow über die Besuche von jungen Künstlern, Komponisten und Schriftstellern in seinem großen Büro erfreut.

Der junge Roerich, gekleidet in seine Studentenuniform, kam zum ersten Male in Stasows Büro mit einem Essay, den er über die Bedeutung der zeitgenössischen Kunst verfaßt hatte. Er war neugierig auf die Meinung des berühmten Gelehrten, betrat den Raum, stellte sich vor und fragte Stassow höflich, ob er sein Manuskript lesen würde. Stasow sah sich den Text an und begann mit Roerich ein Gespräch. Als Nicholas schon gehen wollte, fragte Stasow ihn, ob er das Manuskript vorerst behalten und ob sich Roerich bald wieder bei ihm einfinden könne.

Dies war der Beginn einer langen und für beide Seiten fruchtbaren, wenn auch zuweilen schwierigen Beziehung. Roerich besuchte Stasow von Zeit zu Zeit in seinem Büro, um mit ihm zusammen ethnographische Einzelheiten seiner Bilder zu besprechen oder auch nur, um an der Kreativität des Gelehrten teilzuhaben. Stasow unterstützte das Interesse seines jungen Freundes an alter russischer Geschichte und war sehr von seinen archäologischen Erfolgen beeindruckt, denn während Roerich noch auf der Universität war, wurde er bereits Mitglied der Russischen Archäologischen Gesellschaft und hielt zeitweilig Vorträge über die Ergebnisse seiner Ausgrabungen.

Roerich war von Stasows Theorie der starken Verbindungen zwischen alter russischer Kultur und dem Osten fasziniert. Im Jahre 1868 hatte Stasow einen Artikel mit dem Titel Der Ursprung der russischen Byliny veröffentlicht, in dem er von unbestreitbaren Übereinstimmungen zwischen den Geschichten und der Bilderwelt der russischen Volksepen, dem persischen Epos Shah-nameh und der indischen Mahabharata sprach.

In einem Brief vom 26. Februar 1897 stellte Nicholas seinen Plan vor, einen Zyklus von Bildern anzufertigen, die der Gründung der russischen Nation gewidmet werden sollten, und gab zwölf Titel an, bei denen jeder einem Ereignis aus dem russischen Volksepos Letopis entsprechen sollte. Wäre dieses Vorhaben beendet worden, hätte der Zyklus eine zweijährige Zeit aus der Geschichte Rußlands dargestellt, die für Roerich eine große persönliche Bedeutung gehabt hatte. Im Jahre 860 n. Chr. brachen Kämpfe zwischen den slawischen Stämmen aus. Um den Frieden wiederherzustellen, entschlossen sie sich, einen Fürsten auszuwählen, der sie von dieser Zeit an führen sollte. Auf ihrer Suche kamen sie auch zu den Warägern, einem der nordischen Völkerstämme, und luden deren Anführer, den Fürsten Rurik, ein, um ihn zu ihrem Oberhaupt zu machen. Die Waräger machten sich mit ihren großen Wikingerschiffen auf den Weg zu der slawischen Küste und kamen schließlich in ihrer neuen Heimat an, die sie vom Jahre 862 an Rus oder Rußland nannten. Diese friedliche Vereinigung der Slawen mit den nordischen Warägern kam der Zeit Roerichs eigener Abstammung sehr nahe.

Aber Roerich beendete nur eines der Bilder aus diesem ehrgeizig geplanten Zyklus, das den Titel trug: Der Bote: Stamm hat sich gegen Stamm erhoben. Es stellt einen alten Boten in einem Holzschiff dar. Sein gekrümmter Rücken und seine schlaff herunterhängenden Arme verraten Traurigkeit und Betroffenheit, denn er bringt gerade dem Nachbarstamm die Nachricht, daß sich die Stämme im Krieg befinden. Es ist Nacht, und Stille erfüllt das Land. Der gerade aufgegangene Mond beleuchtet die weiße Kleidung des Boten und seines Ruderers, der stehend das Schiff den Fluß hinauf steuert. In der Ferne kann man nur schwach in der Dunkelheit der Nacht die Umrisse einer auf Hügeln liegenden slawischen Siedlung erkennen.
Der Bote: Stamm hat sich gegen Stamm erhoben, 1897. Oel auf Leinwand, ca. 117 x 185 cm, Tretyakow Galerie, Moskau.
Der Bote: Stamm hat sich gegen Stamm erhoben, 1897. Oel auf Leinwand, ca. 117 x 185 cm, Tretyakow Galerie, Moskau.

Der Bote war das Werk, das Roerich bei seiner Abschlußprüfung der Akademie vorlegte. Er hatte an ihm mit der gewohnten Genauigkeit und Disziplin gearbeitet und jede kleine Einzelheit zusammen mit Stasow überprüft. Doch es ist nicht die archäologische Authentizität oder die geschichtliche Atmosphäre, die den Betrachter in seinen Bann zieht, sondern vielmehr die Stimmung von Angst und Geheimnishaftigkeit, die das Bild erfüllt.

Der Bote ist im Gegensatz zu Wasnetsows Werken in idealisierender Form gemalt. Gerade märchenhaft stellt es das alte Rußland dar; auch ähnelt das Bild im Stil nicht den aktionsbeladenen, photographisch realistischen Szenen der Peredwischniki. Obwohl es zu dem Genre der Historienmalerei zu zählen ist, wird in ihm durch die Maltechnik, seinen düsteren Farben und seiner spirituellen Innerlichkeit, das Merkmal von Roerichs Zugehörigkeit zum Studio von Kuindschi deutlich. In diesem Studio erreichte Roerich eine neue Synthese in der Verarbeitung von geschichtlichen Themen und der Darstellung von Landschaften.
Roerich beim Malen in Iswara, 1897.
Roerich beim Malen in Iswara, 1897.

Während Roerich im Jahre 1897 damit beschäftigt war, den Plan für einen Bildzyklus mit dem Titel Eine Slawische Symphonie auszuarbeiten, wuchsen die Spannungen zwischen den Studenten und der Akademieleitung. Der Konflikt begann, als der Rektor der Akademie, ein kräftiger, aggressiver Mann, einen der Studenten in einer so scharfen Art und Weise anfuhr, daß die gesamte Akademie zusammengerufen und der Rektor aufgefordert wurde, sich bei dem Studenten zu entschuldigen. Die Lehrerschaft wies diese Forderung hartnäckig zurück, woraufhin die Studenten einen Streik ausriefen und mit dem Boykott ihrer Kurse begannen. Auf einer der Streikversammlungen der Studenten erschien Kuindschi und drängte sie, den Streik zu beenden und in ihre Klassen zurückzukehren.

Die Akademieleitung war erbost über die Tatsache, daß Kuindschi zu einer der Studentenversammlungen gegangen war, suspendierte ihn daraufhin vom Dienst und legte ihm nahe, seine Kündigung einzureichen. Seine Freunde waren über die Reaktion der Akademieleitung entrüstet und gaben ihm den Rat, nicht aufzugeben; aber Kuindschi verließ zusammen mit seinen Studenten die Akademie, unter ihnen auch Roerich.

Die abtrünnigen "Kuindschinisten" konnten dennoch an den Abschlußfeierlichkeiten, die noch im gleichen Jahr stattfanden, teilnehmen, und ihre Bilder wurden sogar auf der Abschlußausstellung im Museum der Akademie der Öffentlichkeit vorgestellt. Der langerwartete Tag war endlich angebrochen: 4. November 1897, Jahrestag der Gründung der Akademie. Der Konferenzsekretär, gekleidet in offizieller Robe mit einem Degen an der Seite, verlas den Jahresbericht der Akademie; danach wurden die Namen der Studenten bekanntgegeben, denen der Künstlertitel verliehen wurde. Auch Roerichs Name war darunter. Als die Abgänger ihre Diplome überreicht bekamen, betrat plötzlich Arkhip Kuindschi den Saal. Er wurde mit einem stürmischen Beifall begrüßt. Jeder, der die Ausstellung besucht hatte, mußte zugeben, daß die besten Bilder von Kuindschis Studenten stammten. Der Bote wurde von den Studenten, aber auch von Kritikern und Kunstsammlern als Werk besonderer Leistung ausgewählt.

Sergei Diaghilew nannte das Bild in seinem Artikel über die Ausstellung, der im Nowosti Magazin veröffentlicht wurde, eines der interessantesten Werke der ganzen Ausstellung und stellte seine legendenhafte Qualität heraus, mit der es sich von allen anderen historischen Gemälden unterschied. Es wurde eines der drei Werke der Ausstellung, die der prominente Kunstsammler Pawel Tretyakow für seine berühmte Galerie in Moskau auswählte.

Stasow war von dem Bild fasziniert und sagte zu seinem jungen Protege: "Du mußt Tolstoy besuchen. Was bedeuten schon all die Diplome und Ehrentitel. Laß dich von dem großen Schriftsteller Rußlands selbst in den Stand des Künstlers erheben. Erst das wird die gebührende Anerkennung sein. Kein anderer wird deinen Boten so schätzen wie Tolstoy. Er wird sich unverzüglich auf die Neuigkeit stürzen, in der von deinem "Boten" berichtet wird. Du solltest auf keinen Fall länger warten. In zwei Tagen werde ich mit Rimskij-Korssakow nach Moskau reisen. Komm mit!"9

Roerich ging nach Moskau und nahm ein großes Photo seines Gemäldes mit zu Tolstoy, dessen Reaktion Stasows Worte bestätigen sollte. Der berühmte Mann war nicht nur von dem Bild überzeugt, sondern er sah in ihm auch gleichzeitig eine Parabel:

"Hast du jemals einen reißenden Fluß überquert? Es ist immer wichtig einen höheren Punkt anzusteuern, als den, den du erreichen willst. Wenn du dies nicht tust, wirst du flußabwärts getrieben. So ist es auch im Falle der Moral unerläßlich, zu Höherem zu streben, denn das Leben reißt alles mit sich. Laß deinen Boten erhobenen Hauptes durch die Welt gehen, und er wird seine Bestimmung erreichen."10

Der Bote brachte Nicholas Roerich mehr als nur den Titel eines Künstlers ein, er sicherte ihm einen Platz in der Geschichte der russischen Kunst.

 


Anmerkungen

1. Polyakova, S. 25.

2. Polyakova, S. 25.

3. Korotkina, S. 21.

4. Korotkina, S. 21-22.

5. N. K. Rerikh: h literaturnogo naslediya,S.SS-S9.

6. Polyakova, S. 31.

7. Korotkina, S. 33.

8. Polyakova, S. 34.

9. Korotkina, S. 50.

10. N. K. Rerikh: Iz literaturnogo naslediya, S. 109.

 

 


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