Das Buch
"Nikolas Roerich - Leben und Werk eines russischen Meisters"
von Jacqueline Decter

Inhalt
1. DANKSAGUNG UND VORWORT
2. DIE FRÜHEN JAHRE
3. DIE STUDIENZEIT
4. DIE WELT DER KUNST
5. DIE STEINZEIT
6. DAS THEATER
7. ÜBERGANG
8. AMERIKA
9. DAS HERZ VON ASIEN
10. KULU

DAS HERZ VON ASIEN

Im Sommer und Herbst 1923 hielten sich die Roerichs in Paris auf und trafen letzte Vorbereitungen für ihre langerwartete Reise nach Indien. Am 17. November war es dann soweit, und die Familie ging in Marseille an Bord der "SS Macedonia".

Am 2. Dezember legten sie im überfüllten Hafen von Bombay an und machten sich sofort auf eine Reise zu den bekanntesten Kulturzentren und Kultstätten des Landes auf der Insel Elephanta, in Jaipur, Agra, Sarnath, Benares und Kalkutta. So wie auf seiner Reise zu den alten Kulturstätten Rußlands zwanzig Jahre zuvor, führte Roerich auch jetzt Buch über seine Beobachtungen:

"Sarnath und Gaya - die Stätten der glorreichen Taten Buddhas - sind Ruinen. Heute sind sie nur noch Orte, an die Pilger kommen, so wie auch Jerusalem ein Wallfahrtsort der Christen ist. Gut bekannt sind die Stätten der Taten Buddhas am Ganges. Einigen Anzeichen nach fand seine Erleuchtung noch weiter nördlich statt - jenseits des Himalaya... Der legendenumwobene Mount Meru aus der Mahabharata und auch das legendäre, erhabene Shambhala aus den Lehren des Buddhismus liegen im Norden."1

Bis Ende September hatten sie den vornehmen englischen Urlaubsort Darjeeling, nahe der Grenze zu Sikkim an den westlichen Ausläufern des Himalaya erreicht. Dort erhob sich über den Terrassen der Teeplantangen der Gipfel, der Roerichs Phantasie als Kind in Iswara so beflügelt hatte - der heilige Kanchenjunga.

In Darjeeling lebten die Roerichs in einem Haus, das eine atemberaubende Aussicht auf den Himalaya erlaubte. Die Legende sprach davon, daß in diesem Haus der fünfte Dalai Lama einmal residierte. Seit dieser Zeit wurde es als eine heilige Stätte angesehen und sogar häufig von tibetischen Pilgern und Lamas besucht. Roerichs Ankunft in Darjeeling fiel zeitlich mit der Flucht des Taschi Lama - dem geistigen Führer Tibets - aus seinem Land zusammen. Dieses Ereignis ergriff die buddhistische Welt, denn es war ein Zeichen dafür, daß das neue Zeitalter, das Zeitalter von Shambhala, nicht mehr weit war. Ein Lama sagte einmal zu Roerich:

"Seit vielen Jahrhunderten wird es vorausgesagt, daß es viele große Ereignisse vor dem Anbruch der Zeit von Shambhala geben wird. Viele wilde Kriege werden die Länder verwüsten. Viele Königreiche werden zerstört werden. Feuer aus den Tiefen der Erde wird die Erde erzittern lassen. Der Pantschen Rimpotsche wird Tibet verlassen. Wahrlich, die Zeit von Shambhala ist nahe. Der große Krieg hat die Länder verwüstet, und viele Königsthrone verschwanden. Das Erdbeben in Japan hat alte Tempel zerstört. Und jetzt hat unser ehrwürdiger Herrscher [der Taschi Lama] sein Land verlassen."2
Die Familie Roerich bei einer Rundfahrt in Indien, 1924. Von links nach rechts: Nicho-las, Swetoslaw, Helena und George.
Die Familie Roerich bei einer Rundfahrt in Indien, 1924. Von links nach rechts: Nicho-las, Swetoslaw, Helena und George.

Diese Neuigkeit hatte tiefgreifende Bedeutung für Roerich. Er hatte bereits viele Jahre zuvor von Shambhala in St. Petersburg gehört, als er zum ersten Mal mit der spirituellen Lehre des Ostens in Berührung kam, und während seiner Beteiligung an der Errichtung des buddhistischen Tempels.3 Er kannte den Glauben, daß Shambhala die irdische Verbindung zum Himmel sei und daß sein Reich auf der Erde ein geheimes Tal irgendwo tief im Himalaya wäre. Dort sollten die großen Meister oder Mahatmas aller Zeitalter residieren und die heiligen Mysterien Shambhalas hüten, bis zu dem Tage, da der Rigden Djepo, der legendenumwobene Herrscher von Shambhala, seine unbesiegbare Streitmacht zusammenruft und seine Krieger in die letzte Schlacht gegen die Mächte des Bösen führt. Sobald der Feind vernichtet ist, wird das Zeitalter des Friedens, der Schönheit und der Wahrheit - das Zeitalter von Shambhala -beginnen.

Er wußte auch, daß für die Buddhisten der Weg nach Shambhala der Weg zur Erleuchtung ist und daß die aufrichtig Suchenden auf ihrer Reise von vielen Symbolen, Zeichen und Botschaften geleitet werden. Es war dieser Weg, so glaubte Roerich, der ihn nach Indien geführt hatte und ihn auch bald in das Herz von Asien führen würde, was auch der Titel eines seiner Bücher über seine Expedition sein sollte.

Während seines Aufenthaltes in Sikkim malte Roerich einen Bilderzyklus, dem er den Titel Sein Land (1924) gab und der sowohl durch die Pracht des Himalaya als auch von den spirituellen Geheimnissen, die das Gebirge birgt, gleichermaßen angeregt wurde. Tatsächlich bedeuteten für den Künstler diese emporragenden Berge den Gipfel der Schönheit und der Spiritualität:

"Alle Lehrmeister reisten in den Himalaya. Die höchste Erkenntnis, die schönsten Lieder, die schönsten Töne und Farben werden auf den Gipfeln der Berge erschaffen. Auf dem höchsten der Berge lebt das Höchste Wesen. Die hohen Berge sind die Zeugen dieser großen Wirklichkeit. Schon der Geist der vorgeschichtlichen Menschen hat sich an der Pracht der Berge erfreut."4
Perle des Suchens, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 89x117cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Perle des Suchens, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 89x117cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

Auf dem Gemälde Perle des Suchens sitzt ein Guru mit einem Chela auf dem Gipfel eines Berges im rechten unteren Vordergrund. Hinter den Figuren erstreckt sich ein Wolkenmeer, über dem prachtvolle, schneebedeckte Berge gen Himmel ragen. Der Guru untersucht gerade ein Perlenhalsband auf der Suche nach der einen Perle, ohne die der Tag keinen Sinn hätte. Das Halsband - ein Symbol für die Ewigkeit - zeigt an, daß die tägliche Suche für alle Zeiten weitergehen wird. Die Berglandschaft überzeugt als realistische Darstellung und bedeutet den spirituellen Aufstieg, der vor dem Chela liegt. Die Berge selbst symbolisieren eine Welt des Geistes, die von der irdischen Welt getrennt, jenen zugänglich ist, die sich bereits auf höheren geistigen Ebenen befinden. Die Komposition dieser Arbeit - die menschlichen Gestalten im Vordergrund, ausgedehnte Wolken- oder Nebelfelder in der Mitte des Bildes und eine prachtvolle Aussicht auf eine Berglandschaft in der Ferne - kann man auf Hunderten anderer Werke Roerichs wiederfinden. Diese Art der Bildgestaltung bringt den Betrachter direkt in das Geschehen: unser Auge wird auf die Figuren gelenkt, und wir identifizieren uns mit ihnen und erleben das Panorama, das sich hinter ihnen erstreckt.
Der Eilende, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 90 x 116 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Der Eilende, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 90 x 116 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

Der Eilende ist ein anderes Werk aus dem Zyklus Sein Land und weist eine ähnliche Bildgestaltung auf. Ein Reiter auf einem rotbraunen Pferd galoppiert zwischen zwei Berggipfeln im Vordergrund durch die Lüfte. Die Bildmitte wird von Wolken und gezackten Berggipfeln, die in den Strahlen der aufgehenden Sonne rosa leuchten und majestätisch aus dem Hintergrund emporsteigen, ausgefüllt. Der Reiter ist vielleicht ein von den Meistern gesandter Bote, der dem aufrichtig Suchenden zur Hilfe eilt. Auf diesem Gemälde findet sich wie auf so vielen anderen Himalaya-Bildern Roerichs eine Atmosphäre der Dringlichkeit - eine Botschaft, die gesandt wird oder ihre Bestimmung erreichen muß, ein Reisender oder eine Aufgabe, die erfüllt werden muß. Unbewußt drängen sie den Menschen zu seinem eigenen spirituellen Schicksal und erinnern ihn an seine Verpflichtungen gegenüber dem neuen Zeitalter, in dem der Ridgen Djepo seine Streitmacht zusammenziehen und mit dem Banner des Lichts die Horden der Dunkelheit besiegen wird.
Schatz der Welt - Chintamani, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 91,5 X 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Schatz der Welt - Chintamani, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 91,5 X 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

Mit Schatz der Welt - Chintamani und Verbrennen der Dunkelheit betreten wir die Bergwelt. Beide Arbeiten sind höchst symbolischer Natur und illustrieren Roerichs Glauben an das göttliche Feuer - agni -, das im neuen Zeitalter zur Erleuchtung des menschlichen Bewußtseins aus den Bergen gebracht werden wird. Das erste der beiden Werke ist eine visuelle Darstellung der tibetischen Legende vom Roß des Glücks, auf dessen Rücken der heilige Stein Chintamani - der Schatz der Welt- aus den Bergen getragen wird. Als das Pferd einen zerklüfteten Bergpaß hinabsteigt, wird die ganze Umgebung von einer blauen Flamme aus dem Holzkästchen erhellt, in dem sich der heilige Stein befindet. Die Felsen, die den Paß säumen, scheinen aus Stein geschlagene Wächter zu sein, die über den Abstieg des Pferdes wachen.
Verbrennen der Dunkelheit, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 76 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Verbrennen der Dunkelheit, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 76 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

Das Bild Verbrennen der Dunkelheit zeigt das heilige Feuer, als es gerade von einer Gestalt in einer langen weißen Robe aus einer Bergöffnung geholt wird. Der Kopf der Gestalt ist von einer Aureole umgeben. Hinter ihr sind zwei ähnlich gekleidete und mit Aureolen umgebene Figuren zu sehen: Es sind Mahatmas; weitere Gestalten folgen ihnen. Ihre Köpfe treten ein wenig hinter einem Felsen hervor. Nur einer der Köpfe ist mit einem Reif aus Licht umgeben. Unter den anderen Gestalten befindet sich auch eine glatzköpfige Person mit einem langen Bart - anscheinend ein seltenes Selbstbildnis des Künstlers. Die ganze nächtliche Szenerie ist in ein überirdisches blaues Licht der heiligen Flamme getaucht.

Auf dem Bild Feuerblüte steigt im Vordergrund ein in Pelze gehüllter Suchender, der im Zwielicht des Abends kaum zu erkennen ist, einen Berg hinauf. Auf der Spitze des Berges sieht man in einer Öffnung das Glühen einer weiß, rosa und blau phosphoreszierenden Blume, einen Eisenhut. Die feuerähnliche Wärme, die die Blume abgibt, steht im Kontrast zu dem gezackten Wall der eisblauen Bergspitzen in der Ferne. Ihre bedrohliche Schönheit soll den Eifer des Aufstiegs des Suchenden andeuten. Die Hingabe zu seiner Suche wird jedoch schon bald mit der Offenbarung der glühenden Blüte belohnt werden.
Tropfen des Lebens, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 80,5xl32cm,Nicholas Roerich Museum, New York.
Tropfen des Lebens, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 80,5xl32cm,Nicholas Roerich Museum, New York.

Im Himalaya trifft der Reisende auf bestimmte Naturwunder, heiße Quellen und üppige Vegetation inmitten karger, schneebedeckter Berge. Auf dem Gemälde Tropfen des Lebens (1924), einer Arbeit aus dem Sikkim-Zyklus, beschreibt Roerich dieses Phänomen. Eine dunkelhaarige junge Frau in einem gelben Gewand sitzt auf einem Felsvorsprung, der die Aussicht auf eine Landschaft aus Wolken und kargen Berggipfeln erlaubt, die sich weit in die Ferne erstrecken. Hinter ihr werden die Tropfen lebensspendenden Wassers aus einer unterirdischen Quelle durch eine hölzerne Wasserleitung in eine Lehmvase geleitet, um die herum Palmen wachsen, die verdeutlichen, daß diese Quelle hoch über den Wolken ein subtropisches Mikroklima geschaffen hat. Solche Naturphänomene haben selbstverständlich natürliche Erklärungen, doch sie können auch als Manifestationen einer höheren Ordnung, als Zeichen Shambhalas interpretiert werden.

Roerichs Pläne für eine große wissenschaftliche und kulturelle Expedition durch Zentralasien nahmen in Sikkim endgültige Form an. Die Route, die er ausarbeitete, kreuzte zweimal die Hochebenen Tibets: von Süden nach Norden durch den Westhimalaya in den chinesischen Teil Turkestans, in das Altai-Gebirge in Sibirien und die Mongolei; dann von Norden nach Süden durch die Wüste Gobi, über das tibetische Hochland und den Osthimalaya zurück nach Darjeeling. Der zweite Teil der Reise sollte ihn durch Gebiete führen, die überhaupt nicht oder nur kaum von europäischen Expeditionen vor ihm betreten worden sind.

Bevor Roerich jedoch auf seine ehrgeizige Reise gehen konnte, mußte er noch einige notwendige Visa beschaffen. Da sich der Altai auf sowjetischem Territorium befand, wußte Roerich, daß er die Erlaubnis der sowjetischen Behörden zur Überquerung der Grenze nach Rußland einholen mußte. Er hoffte auch, Moskau besuchen zu können. Auf seinem Weg aus den Vereinigten Staaten zurück nach Indien traf er im Herbst 1924 den diplomatischen Vertreter der Sowjetunion N. N. Krestinsky in Berlin, der Roerichs Wünsche nach Moskau übermittelte. Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, der Roerich während seiner Zeit auf der Universität persönlich kennengelernt hatte, akzeptierte offensichtlich den Wunsch des Künstlers; doch bis die Erlaubnis von Tschitscherin aus Moskau in Berlin eintraf, hatte Roerich Europa bereits verlassen.5
Roerich (rechts) und Wladimir Schibayew (in der Mitte) auf einem Kamel, beim Besuch der Pyramiden von Gizeh.
Roerich (rechts) und Wladimir Schibayew (in der Mitte) auf einem Kamel, beim Besuch der Pyramiden von Gizeh.

Auf seiner Rückreise nach Indien wurde Roerich von Wladimir Schibayew begleitet, einem Theosophen aus Litauen, der später Privatsekretär des Künstlers wurde. Auf ihrem Weg machten sie halt in Port Said in Ägypten und reisten von dort mit dem Auto nach Gizeh und dann weiter auf dem Kamel zu den Pyramiden, vor deren Hintergrund ein Photo von beiden gemacht wurde. Später besuchten sie Ceylon (das heutige Sri Lanka); als sie schließlich an der Ostküste des indischen Subkontinents ankamen, reisten sie nach Adyar, um dort das Stammhaus der Theosophischen Gesellschaft zu besuchen. Schließlich erreichten sie Darjeeling.

Vor seiner Reise in die Vereinigten Staaten und nach Europa im Jahre 1924 hatte Roerich mit einem Bildzyklus begonnen, dem er den Titel Banner des Ostens gab und den er bei seiner Rückkehr fertigstellte. Jedes der 19 Gemälde des Zyklus' stellt einen der großen geistigen Lehrer der Menschheit dar: Jesus Christus; der chinesische Philosoph Laotse; Padma Sambhava, der den Buddhismus von Indien nach Tibet brachte; Moses; Buddha; Mohammed; Konfuzius; St. Sergius; Dorje, den kühnen tibetischen Lama; Milarepa, den Einsiedler und Seher; Oirot, den geistigen Führer eines Altai-Stammes, und den Weißen Burkhan, Bote ihres Messias; und eine weibliche Figur, die Mutter der Welt.

Roerich vergöttlicht diese heiligen Figuren nicht in seinen Werken, sondern porträtierte die meisten von ihnen bei ihrer spirituellen Aufgabe. In dieser Hinsicht ähnelt der Zyklus Banner des Ostens den religiösen Gemälden Tibets, auch Thangkas genannt. So spricht ein Lama zu einem Suchenden in Roerichs Buch Himalaja - Wohnstatt des Lichts: "Durch unsere Symbole, durch unsere Bilder und Thangkas kannst du sehen, wie die großen Meister arbeiteten; von den vielen großen Meistern siehst du nur einige, wie sie in die Meditation vertieft sind. Für gewöhnlich siehst du sie, wie sie draußen in der Welt ihre große Arbeit vollbringen; entweder lehren sie den Menschen, oder sie zähmen die dunklen Kräfte und Elemente; sie fürchten es nicht, den mächtigsten Kräften gegenüberzutreten und sich mit ihnen zu verbünden, wenn es immer nur um das Wohlergehen der Menschheit geht."6
Laotse, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.
Laotse, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.

Laotse wird dargestellt, wie er auf einem Ochsen sitzt und auf einem Pfad durch einen Bambushain zum heiligen Berg Kailas reitet.

Konfuzius fährt auf einem von Pferden gezogenen Holzkarren durch eine Landschaft, in deren Ferne sich ein Berg aus dem Nebel erhebt; diese Darstellung ähnelt sehr den Landschaften der chinesischen Maler.
Konfuzius, der Gerechte, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.
Konfuzius, der Gerechte, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.

Der heilige Sergius wird beim Holzschlagen in einem stilisierten Kiefernwald des Nordens gezeigt, als er von einem Bären beobachtet wird. Mohammed steht auf dem Gipfel des Berges Hira und empfängt den Koran durch den Erzengel Gabriel. Moses kniet auf dem Berge Sinai, die Arme zum Herrn ausgestreckt, der ihm in Form einer großen Wolke erscheint.
Sergius, der Erbauer, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.
Sergius, der Erbauer, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.

 
Mohammed auf dem Berge Hira, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Grand Haven, Michigan.
Mohammed auf dem Berge Hira, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Grand Haven, Michigan.

 
Moses, der Führer, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Naples, Florida.
Moses, der Führer, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Naples, Florida.

Milarepa (oder Milaraspa), auch "Einer, der Lauschte" genannt, meditiert auf einem Stein und lauscht den Stimmen der Devas, während die Sonne über dem Himalaya aufgeht. Er "kannte die Kraft der Stunde vor dem Morgengrauen, und in diesem erschaudernden Augenblick verband sich sein Geist mit dem großen Geist der Welt zu einer bewußten Einheit".7
Milarepa - Der, der Lauschte, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 74 X 117,5 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Milarepa - Der, der Lauschte, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 74 X 117,5 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

 
Padma Sambhava, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Padma Sambhava, 1924. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

Padma Sambhava wird in der subtropischen Vegetation einer stilisierten Landschaft dargestellt, wie sie in Sikkim zu finden ist, während er den Befehl Buddhas erhält, seine Lehre nach Tibet zu tragen. Dorje, der "Kühne", wird gezeigt, wie er gerade einer feurigen Vision in den Bergen gegenübersteht. Er hält eine Glocke und einen Dolch in seiner Hand - rituelle Gegenstände der tibetischen Meditation. Die Aussicht, die sich vor ihm auftut, ist eine schreckenerregende, flammende Fratze, die einer kargen Berglandschaft zu entwachsen scheint: sie hat drei rote Augen, trägt eine Krone aus Totenschädeln und hat eine Zunge, die aus ihrem weit aufgerissenenen Maul herausschießt.
Dorje, der Kühne, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 75 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.
Dorje, der Kühne, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 75 x 117 cm, Nicholas Roerich Museum, New York.

 
Oirot-Botedes Weißen Burkhan, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.
Oirot-Botedes Weißen Burkhan, 1925. Tempera auf Leinwand, ca. 73,5 x 117 cm, Bolling Sammlung, Miami, Florida.

Die Oiroten, ein finnisch-türkischer Stamm, der im Altai lebt, haben ihre eigene Version der Legende von Shambhala. Sie glauben, daß das neue Zeitalter mit dem Kommen des Weißen Burkhan anbrechen wird. Sein Bote, der heilige Oirot, erscheint den Gläubigen als ein Reiter auf einem weißen Pferd. Auf Roerichs Gemälde verbeugt sich eine Stammesangehörige vor einer Erscheinung Oirots auf seinem Pferd über den Wolken. Das Licht des Vollmonds erleuchtet die schneebedeckten Gipfel des Altai und wirft einen goldenen Glanz auf die Figur des Oirot.

Roerichs Darstellung von Christus trägt den Titel Zeichen Christi. Das Bild zeigt ihn sitzend mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Sandhügel in der Wüste, während er Bilder mit seinem Hirtenstab in den Sand zeichnet. Diese Darstellung ist die visuelle Umsetzung einer Passage aus den Agni Yoga-Lehren:

"Während eines Nachtmarsches verirrte sich der Meister. Nach einiger Zeit des Suchens fand ich Christus, wie er auf einem Sandhügel in der Wüste saß und den vom Mondschein beleuchteten Sand vor seinen Füßen betrachtete. Ich sprach zum Herrn: "Wir haben uns verirrt. Wir müssen die Zeichen der Sterne abwarten."

Daraufhin nahm er seinen Bambusstab und zeichnete ein Viereck um den Abdruck seiner Füße im Sand und erwiderte: "Wahrlich, sage ich, durch die Füße des Menschen.)

Und als er dann seine Handfläche in den Sand eindrückte, machte er ebenfalls mit seinem Stab ein Viereck darum. "Wahrlich, durch des Menschen Hand."

Zwischen den Vierecken zog er ein Zeichen, das einer von einem Bogen gekrönten Säule ähnelte. Er sprach: "Oh, wie wird das Aum in das menschliche Bewußtsein fließen! Hier habe ich die Form eines Blütenstempels in den Sand gezeichnet und darüber einen Bogen gezogen und seinen Boden in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Wenn durch die Füße und Hände der Menschen der Tempel, in den ich den Stempel gesetzt habe, errichtet wird, dann laßt seine Erbauer zu mir kommen. Warum sollten wir auf den Weg warten, wenn er vor uns liegt ?""8
Mutter der Welt, Variante o. J. Tempera auf Leinwand, ca. 103,5 x 72,5 cm. Nicholas Roerich Museum, New York.
Mutter der Welt, Variante o. J. Tempera auf Leinwand, ca. 103,5 x 72,5 cm. Nicholas Roerich Museum, New York.

Die Verwendung von sowohl westlichen als auch östlichen Gottheiten, Heiligen und Weisen in seinen Bildreihen verdeutlichen Roerichs tiefen Glauben an die grundlegende Einheit aller spirituellen Lehren. Doch für ihn war die universellste Figur unter den Lehrern, das einzig wahre Symbol spiritueller und kultureller Einheit die Mutter der Welt; ein Thema, das er viele Male in seinen Arbeiten während seiner Karriere als Künstler behandelte. Betrachtet man die Bildgestaltung, so ähnelt das Bild Die Mutter der Welt ohne die christliche Metaphorik sehr dem 1912 entstandenen Wandgemälde Die Königin des Himmels für die Kirche von Talaschkino.

Eine Frau, die in einen reich mit Tier- und Pflanzenornamenten verzierten Mantel gekleidet ist, sitzt auf einem Kissen auf einem halbkreisförmigen Steinthron. Dieser wird von Felsen getragen, an deren Basis der Fluß des Lebens fließt. Die Hände der Frau sind in der stilisierten Weise des Gebets gefaltet. Ein Schleier verhüllt ihre Augen und verdeutlicht, daß bestimmte Mysterien des Universums dem Menschen noch nicht bekannt sind. Eine Aureole umgibt ihr Haupt, eine weitere ihren Körper. Die Farben vermitteln den Eindruck, als ob das Licht aus ihrem Körper strömt: der Bereich innerhalb der Aureole ist in einem matten, ätherischen Blau gehalten; die Aureolen sind von rosafarbenen und dann dunkelblauen Lichtringen umgeben. Der Himmel ist gepunktet mit winzigen goldenen Bodhisattvas, die wie Sterne zu glitzern scheinen. Zwei kleine weibliche Gestalten knien im Vordergrund zu beiden Seiten des Throns. Eine der Figuren ist in die Kleider einer Nonne gehüllt und hält ein Buch - vermutlich die Bibel - in ihrer Hand; die andere ist in ein asiatisch anmutendes Gewand gekleidet und hält ein Kästchen in ihrer Hand, das dem ähnelt, welches auf dem Bild Verbrennen der Dunkelheit das heilige Feuer beinhaltet. Diese Symbole westlicher und östlicher Spiritualität unterstreichen die vereinigende Kraft der Mutter der Welt, wie Roerich es auch einmal selbst ausdrückte: "Für den Osten und den Westen ist die Vorstellung der Großen Mutter - der Fraulichkeit - die Brücke der äußersten Vereinigung."9

Karte mit der Route von Roerichs zentralasiatischer Expedition (1925-28).
Karte mit der Route von Roerichs zentralasiatischer Expedition (1925-28).

Im März 1925 ging Roerich auf seine zentralasiatische Expedition. Helena Roerich und ihr Sohn George begleiteten ihn, während Swetoslaw in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, um sein Studium fortzuführen und das Corona-Mundi-Zentrum zu leiten. Ausgangspunkt der Expedition war Srinagar, die Hauptstadt Kaschmirs im Westhimalaya. Kaschmir war einst ein Knotenpunkt vieler Handelsstaßen, die Indien mit dem Mittleren Osten und Tibet verbanden. Es ist auf allen Seiten von Bergen eingeschlossen, die Kaschmir ein gemäßigtes Klima geben, das schon seit vielen Jahrhunderten Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen angezogen hat. Kaschmir war vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis zum sechsten Jahrhundert n. Chr., als der Hinduismus an Einfluß gewann, ein Hauptzentrum des Buddhismus. Im 11. Jahrhundert n. Chr. kam der Islam ins Land und wurde schnell zur vorherrschenden Religion. All dies macht das Gebiet um Kaschmir zu einem reichen Studienobjekt alter Kunst- und Religionsüberlieferungen.

In Srinagar gingen die Roerichs der Legende vom Auftauchen Christi in Kaschmir nach seiner Kreuzigung nach. Nach Aussagen der in dem Gebiet lebenden Moslems starb Jesus oder Issa, wie sie ihn dort nennen, nicht am Kreuz, sondern wurde von seinen Jüngern gerettet, die ihn gesundpflegten und ihn nach Srinagar brachten, wo er seine Lehren fortführte und schließlich auch starb. Sein Grab ist mit einer Inschrift "Hier ruht der Sohn Josephs" gekennzeichnet und befindet sich im Kellergewölbe eines Privathauses. Roerich hörte später ähnliche Legenden in anderen Teilen Indiens und Zentralasiens, die ihm vor Augen führten, wie viele Menschen anderen Glaubens die Figur Christi in ihre eigene religiöse Überlieferung aufnehmen wollten.

Von Kaschmir aus schlug die Expedition eine nordöstliche Route entlang der alten Karawanenstraße ein, die in das Königreich von Ladakh mit seiner Hauptstadt Leh führt. Die Reise verlief nicht ohne Zwischenfälle. Als sich die Expedition noch im Gebiet von Kaschmir befand, wurde sie von bewaffneten Banditen angegriffen und sechs Stunden lang in ein Feuergefecht verwickelt. Roerich hätte diesem Zwischenfall keine besondere Bedeutung zugemessen, wenn die Expedition nach Beendigung des Kampfes nicht im Namen Roerichs ein Telegramm von der Polizei übermittelt bekommen hätte, aus dem hervorging, daß sie (die Roerichs) unrecht hätten - es hätte nie einen Überfall von Banditen gegeben. "Dann frage ich mich, wer sieben unserer Männer angeschossen hat?" schreibt er später rhetorisch in seinem Buch Herz von Asien.10

Auf ihrem Weg hielten sie bei so uralten Festungen und Klöstern wie Maulbek und Lamayura, die Roerich sowohl aus ethnographischem Interesse als auch künstlerisch in ihren Bann zogen. Neben der Straße fand er in Stein gemeißelte Bilder von Bergziegen, Yaks, Jägern mit Pfeil und Bogen und Figuren beim Kreistanz und anderen Riten, die sich alle bis in das Zeitalter des Neolithikums zurückdatieren ließen. Er hatte ähnliche Darstellungen in Skandinavien gesehen und entdeckte jetzt dieselben in ganz Zentralasien, Sibirien und der Himalaya-region; eine Tatsache, die ihn zu einer Hypothese über Völkerwanderungen in der Vorzeit veranlaßte.

Zwischen Kaschmir und Leh stießen die Roerichs auch auf das erste einer großen Anzahl gemeißelter Bildnisse von Maitreya - dem zukünftigen Buddha -, der, wie es die Legende zu erzählen weiß, seine Regentschaft antreten wird, sobald das neue Zeitalter angebrochen ist. Maitreya wird vorwiegend stehend oder sitzend dargestellt; wenn er in sitzender Haltung gezeigt wird, dann geschieht dies "nicht in östlicher, sondern in westlicher Sitzhaltung mit aufgesetzten Füßen, bereit zum Antritt seiner Herrschaft".11

Als die Expedition auf einer Höhe von 3400 Metern nicht mehr weit von Leh entfernt war, geschah etwas Außergewöhnliches. Es war ein klarer, ruhiger Tag; gegen 10 Uhr abends bereitete Helena Roerich alles für die Nacht vor und wollte gerade eine Wolldecke ausbreiten, als bei der Berührung eine große rosa-violette elektrische Flamme über ein Fuß in die Höhe schoß. Sie rief "Feuer, Feuer" und versuchte, die Flamme mit ihren Händen zu ersticken, jedoch ohne Erfolg; seltsamerweise fühlte sie sich nur warm an, hinterließ aber keinerlei Verbrennung, verursachte kein Geräusch oder gar Geruch. Die Flamme wurde immer kleiner und kleiner, bis sie schließlich völlig verschwand und nicht die geringste Spur auf der Decke hinterließ.12 Die Roerichs wurden Zeugen vieler elektrostatischer Phänomene im Himalaya, doch der Vorfall mit der Wolldecke war bei weitem das dramatischste Erlebnis.

Die Expedition blieb etwa zwei Monate in Ladakh. Der Wezir der Region lud die Roerichs in seinen Palast ein und bot ihnen Räumlichkeiten in der obersten Etage seiner achtstöckigen Residenz an, von wo man eine Aussicht auf Leh hatte. Die Sicht auf die vielen Tempel und Stupas der Stadt war einmalig - Roerich stellte sie in einer Reihe von Gemälden dar - und entschädigte so für den sehr baufälligen Zustand des Palastes. Das achte Stockwerk bewegte sich häufig im starken Wind, und noch während des Aufenthalts der Familie im Palast fiel eine der Wände zusammen.

Es wird erzählt, daß Ladakh die Heimat des legendären Helden Gesar Khan war, von dem Roerich seit seiner Kindheit schon viel gehört hatte. Die Buddhisten glauben, daß Gesar Khans nächste Wiedergeburt sich "im nördlichen Shambhala ereignet, wo er sich mit jenen Anhängern und Anführern vereinigen wird, die ihm in seinem vorherigen Leben gefolgt sind". Mit seiner Streitmacht wird er dann "das Böse zerstören und Gerechtigkeit und Wohlergehen wieder über alle Länder bringen".13

Diese Legende rückt ihn in die Nähe von Ridgen Djepo, dem Herrscher Shambhalas. Wenn die Zeit der Rückkehr Gesar Khans sich nähert, so erzählt die Legende, werden die zwei Pferde am Eingang zu seinem Tempel in Ladakh zu wiehern beginnen, und hoch in den Bergen wird man dann einen weißen Punkt sehen, von dem die Einheimischen sagen, er sei das Tor, das zu seinem Schloß führt. Neben dem Tor ist das Bildnis eines Löwen in den Stein gemeißelt, das auch einen Bezug zum Helden Gesar Khan hat.

Die Symbole Gesar Khans sind der Pfeil und das Schwert. Der Pfeil "soll ein Blitz sein, und die Kupferspitzen, die manchmal in den Feldern gefunden werden, sollen kristallisierte Donnerkeile sein. Der Krieg wird durch den Abschuß eines Pfeiles begonnen werden".14 Im Jahre 1932 entstand Das Schwert des Gesar Khan, das im Vordergrund den Helden mit einem in Stein gemeißelten Dolch zeigt; hinter dem Stein befindet sich ein Menhir oder ein Steinhaufen - eine alte Kultstätte, die dem Stonehenge der Druiden ähnelt. Roerich sah solche Schwerter und Menhire an verschiedenen Orten, so wie auch Petroglyphen von Tieren und Menschen. Die Kenntnisse aus diesen Funden sollten sich später von unschätzbarem Wert für die Anthropologie erweisen.

Die Karawane Roerichs verließ Leh am 29. September 1925 auf ihrem Weg nach Khotan im chinesischen Teil Turkestans (Sinkiang); um diese Region zu erreichen, mußten sie sieben Bergpässe auf Höhen von mehr als 4500 Metern überqueren. Als sie Leh verließen, traten einige einheimische Frauen an sie heran und wünschten der Expedition eine sichere Reise, indem sie den Mitgliedern ihre Stirn mit geweihter Yakmilch einrieben. "Sie taten recht", kommentierte Roerich mit vornehmer Untertreibung in seinem Buch Herz von Asien, "sie taten recht, weil eine Reise über die Pässe sehr beschwerlich sein kann."15

Tatsächlich gab es einige ernsthafte Zwischenfälle. An einer Stelle stürzte das Pferd, das George ritt, beim Klettern über ein glattes Gletscherfeld beinahe in den Abgrund. Doch die Gefahren, die Kälte und die Blizzards verminderten nicht die Euphorie, die Roerich in den Bergen empfand:

"Es ist unmöglich, die Schönheit dieses Schneereiches während unserer Reise zu beschreiben. Diese Vielfalt, dieser expressive Formenreichtum, diese vielen phantastischen Städte, farbenfrohen Bäche und Flüsse und diese violetten, vom Mond beleuchteten Felsen, die ich niemals vergessen werde.

Auch fasziniert mich die rauschende Stille der Wildnis; die Leute hier reden alle miteinander, alle Unterschiede sind unerheblich, und ohne Ausnahme erlabt sich jeder an der Schönheit der Bergwildnis."16

Es war zu kalt, als daß Roerich während dieses Abschnittes seiner Reise hätte zeichnen oder gar malen können, aber er hatte ein hervorragendes Gedächtnis, so daß er später in der Lage war, all das wieder einzufangen, was er auf seiner Reise gesehen hatte.

Die Grenze zwischen Ladakh und Chinesisch-Turkestan durchschneidet dieses unzugängliche Reich, und als die Expedition wieder die Berghöhen verließ, befand sie sich schon auf chinesischem Territorium. Roerich war bereits gewarnt worden, daß die lokalen chinesischen Behörden möglicherweise keinerlei Skrupel im Umgang mit der Expedition zeigen würden, doch in Khotan, beim ersten Zusammentreffen mit den Amban und Daotai (Verwaltern und geistigen Oberhäuptern der Stadt) schien alles einen guten Lauf zu nehmen. Die Behörden waren freundlich und boten der Expedition ihre volle Unterstützung an. Als sie jedoch Roe-richs Papiere durchsahen, die ihm von der chinesischen Botschaft in Paris ausgestellt worden waren, erklärten sie diese als ungültig. Sie bestanden auf der Konfiszierung aller mitgeführten Waffen und verboten jegliche Art wissenschaftlicher Aktivität in der Khotan Region. Sie untersagten es dem Künstler sogar, Landschaftsskizzen zu machen, weil sie glaubten, er würde topographische Karten zeichnen.

Während ihres unfreiwilligen Aufenthalts in Khotan malte Roerich dennoch eine Reihe von sieben Bildern, die er Maitreya nannte und die sich alle heute in einem sowjetischen Museum befinden. Der Gemäldezyklus behandelt die Erscheinung der Zeichen, die das Zeitalter Shambhalas ankündigen. Eine der Arbeiten mit dem Titel Das Banner des Künftigen zeigt eine Szene, von der Roerich auf seiner Reise durch den westlichen Himalaya Zeuge wurde und die er in Herz von Asien wie folgt beschreibt:

"In einem Tal, das von hohen, gezackten Felsen eingeschlossen war, trafen sich drei Karawanen und errichteten ihr Lager für die Nacht. Bei Morgengrauen bemerkte ich eine seltsame Gruppe. Ein vielfarbiges tibetisches Gemälde lehnte gegen einen großen Felsen. Eine Gruppe von Leuten hatte sich vor dem Bild versammelt und saß in tiefem ehrfürchtigem Schweigen. Ein Lama in einem roten Gewand und einer gelben Kappe deutete mit einem Stab auf das Bild, um den anderen etwas Bestimmtes zu zeigen. Dabei erklärte er etwas in rhythmischem Tonfall. Als wir näher an das Geschehen herangingen, sahen wir die Thangka von Shambhala."17

Roerich hatte zum ersten Mal in Darjeeling ein Thangka gesehen. Es stellt den Herrscher von Shambhala, den Rigden Djepo, dar; in der Mitte und unterhalb der Figur ist gerade eine schreckliche Schlacht im Gange, in deren Verlauf die Feinde Shambhalas vernichtend geschlagen werden. Photos von der Expedition zeigen, daß sie nicht nur die amerikanische Flagge, sondern auch ein Thangka mit sich führte.

Trotz Roerichs wiederholten Ersuchen an den britischen Konsul in Kaschgar und erfolglosen Versuchen, Paris, New York oder Peking zu erreichen, wurde über Monate hinweg nichts unternommen, um der Expedition beim Verlassen Khotans zu helfen. Da die amerikanische und europäische Presse seit vielen Wochen kein Lebenszeichen von den Roerichs erhalten hatte, schrieben die Zeitungen, daß sie in den Bergen oder Wüsten Zentralasiens verschollen waren. Anfang Dezember des Jahres 1925 sandte Roerich sogar ein Schreiben an den sowjetischen Konsul in Kaschgar und bat ihn, die Behörden in Urumchi, der Hauptstadt Chinesisch-Turkestans, über die Notlage der Expedition zu informieren und einige Telegramme nach Moskau weiterzuleiten.

Währenddessen verschlechterte sich die Lage in Khotan so sehr, daß die Mitglieder der Expedition ohne ihre Waffen einen Fluchtversuch unternahmen. Am I.Januar 1926 wurden sie jedoch alle unter Hausarrest gestellt. Roerich gelang es, das britische und sowjetische Konsulat in Kaschgar von diesem Vorfall zu informieren, und schließlich wurden sie dann gegen Ende Januar wieder freigelassen.18

Der nächste Abschnitt der Reise nach Urumchi führte die Expedition durch die Wüsten-und Steppengebiete Chinesisch-Turkestans, mit kurzen Aufenthalten in Jarkend, Kaschgar, Aksa, Kuchar und Karaschar. Dieser Teil der Reise dauerte etwa 74 Tage. Außerhalb Kaschgars trafen sie auf eine Stätte mit Namen Miriam Mazar, die nach der Legende das Grab der heiligen Jungfrau Maria sein sollte, die angeblich nach der Kreuzigung in Jerusalem nach Kaschgar flüchtete. Die Umgebung von Kuchar war für ihre zahlreichen buddhistischen Höhlentempel berühmt, deren Mauern mit herrlichen zentralasiatischen Malereien bedeckt waren. Roerich war erschüttert über die Tatsache, wie viele dieser Kunstwerke in europäische Museen gebracht worden waren, doch die Beweise der Zerstörung uralter buddhistischer Wandmalerei durch die Moslems, die sich in dieser Region niedergelassen hatten, verwirrten ihn noch mehr. In einigen Fällen hatte man ganze Höhlen durch Feuer zerstört; in anderen waren Gesichter mit Messern weggekratzt worden.

Am 11. April 1926 erreichte die Expedition Urumchi, die größte und lebendigste Stadt im chinesischen Teil Turkestans, die von dem Tyrannen Yan-Dutu regiert wurde. Roerich stattete ihm einen Besuch ab; der chinesische Gouverneur bereitete dem Künstler einen herzlichen Empfang und versicherte ihm, daß man alles für ihn und die Mitglieder der Expedition tun würde. Während dieses Besuchs durchsuchte die Polizei von Urumchi das Gepäck und die Ausrüstung der Expeditionsmitglieder. Hier, wie auch in anderen Städten Chinesisch-Turkestans, wurde Roerich Zeuge, wie Menschen offen gekauft und verkauft wurden. Eine junge Sklavin konnte für weniger als 20 Dollar gekauft werden, Kinder für zwei oder vier Dollar.19

Während sich die Roerichs in Urumchi aufhielten, wurde ihnen die Einreise in die Sowjetunion gestattet. Bevor sie die Stadt am 16. Mai verließen, gab Roerich das Tagebuch, das er auf der Expedition geführt hatte, dem sowjetischen Konsul zur Aufbewahrung. Darüber hinaus schrieb er sein Testament, in dem er festlegte, daß der gesamte Besitz der Expedition und alle Gemälde im Falle seines Todes der sowjetischen Regierung überlassen werden sollten. Es wird vermutet, daß diese freundschaftliche Geste des guten Willens dem Künstler eine sichere Heimreise garantieren sollte, da tatsächlich die gesamte Ausrüstung der Expedition dem Museum in New York gehörte.

Am 13. Juni 1926 waren Nicholas, Helena und George Roerich bereits wieder in Moskau, wo sie von Sina und Maurice Lichtmann aus New York besucht wurden.

Roerich traf sich mit den Staatssekretären Tschitscherin und Lunacharsky. Er übergab Tschitscherin eine kleine Schatulle, in der sich heilige Erde aus dem Himalaya befand, und übermittelte eine Botschaft von den Mahatmas an das sowjetische Volk, die wie folgt lautete:

"Auch im Himalaya wissen wir von euren Errungenschaften. Ihr habt die Kirche abgeschafft, weil sie der Nährboden für Falschheit und Aberglaube geworden war. Ihr habt euch des Spießbürgertums entledigt, weil es zur Herberge der Vorurteile geworden war. Ihr habt die Erziehungsgefängnisse demontiert. Ihr habt die Familie der Heuchelei vernichtet. Ihr habt die Armee der Sklaven abgeschafft. Ihr habt die Profithaie zerquetscht. Ihr habt die Tore gegen die Diebe der Nacht geschlossen. Ihr habt das Land von den reichen Verrätern befreit. Ihr habt erkannt, daß die Religion die Lehre von der Ganzheit ist. Ihr habt erkannt, daß persönliches Eigentum unbedeutend ist. Ihr habt die Evolution der Gemeinschaft verstanden. Ihr habt die Bedeutung des Wissens herausgestellt. Ihr habt euch vor der Schönheit verneigt. Ihr habt den Kindern die ganze Kraft des Kosmos gebracht. Ihr habt die Notwendigkeit eingesehen, Neues für das gemeinsame Wohl zu errichten. Wir haben einen Aufruhr in Indien verhindert, da die Zeit noch nicht gekommen war; genauso haben wir die Zeitlosigkeit eurer Bewegung erkannt und schicken euch nun unsere Hilfe in Beteuerung der Einheit Asiens!"20

Dies war eine Botschaft, die die Entwicklungen im neuen Rußland deutlich unterstützen sollte, doch es sollte keine Zustimmung zu dem sowjetischen System sein, noch sollte die Botschaft eine stärkere Annäherung für die Zukunft anregen.

Roerich gab dem Kommissar für Volksbildung Lunarcharsky seinen Maitreya-Zyklus sowie eine Arbeit mit dem Titel Die Zeit ist Gekommen, die den Kopf eines Riesen zeigt, der sich über die friedliche Erde erhebt und mit wachenden Augen gen Osten schaut.

Beide besprachen eine mögliche Ausstellung mit den Werken des Künstlers in Moskau, doch wurde die Idee nicht weiter verfolgt. Roerich war der Leiter einer amerikanischen Expedition, und die Vereinigten Staaten hatten die sowjetische Regierung noch nicht anerkannt. Überdies mußte der Künstler nach China und in das von Großbritannien verwaltete Indien zurückkehren, und diese beiden Regierungen waren schon ohne eine von öffentlicher Hand finanzierte Ausstellung seiner Werke in Moskau mißtrauisch genug wegen seiner politischen Zugehörigkeit.

Nachdem Roerich beim Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten um Erlaubnis angefragt hatte, über die Mongolei nach Indien zurückkehren zu dürfen, um "gewisse Missionen für die Mahatmas"21 auszuführen, verließen die Roerichs begleitet von den Lichtmanns Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn in Richtung Omsk. Von dort aus ging die Reise weiter in das abgelegene Altai Gebirge, das sie im August 1926 erreichten.

Der Altai soll die vorgeschichtliche Heimat der Finnen sein. Die Polowetzer, die vor Fürst Igor tanzten, stammen auch aus dieser Region Asiens. Die Urbewohner des Altai waren türki sehe Stämme, die den Berg Belukha anbeteten, so wie die Inder und Sikkimesen den Kanchen-junga verehrten. Sie wurden von den Oiroten, einem Stamm aus der westlichen Mongolei, dessen heiliger Erlöser der Weiße Burkhan war, besiegt. Nach dem Schisma in der russisch-orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert flüchteten die Strenggläubigen vor der Verfolgung in das Altai Gebirge. Sie hatten ihre eigene Version von Shambhala, die sie Belowodye (Weißes Wasser) nannten.

Die Koexistenz so vieler verschiedener Völker brachte der Expedition eine Menge anthropologischer, linguistischer, religiöser und kultureller Daten zur Auswertung. Roerich entdeckte viele Bräuche und Legenden, die die Völker des Altai mit anderen, weit entfernten Kulturen verbanden; diese Informationen bestätigten einmal mehr seinen Glauben an die gemeinsamen Ursprünge des Menschen. Die Altai-Legende der Chud, einem Stamm, der bei der Ankunft des weißen Mannes aus dem Norden in unterirdische Höhlen flüchtete und dort auch bleiben wird, bis die weißen Männer aus Belowodye zurückkehren, ähnelte sehr einer Legende über ein unterirdisches Volk im Himalaya. Roerich kannte diese Legende bereits und hatte im Jahre 1913 ein Bild zu diesem Thema gemalt. Er war erstaunt zu erfahren, daß im Altai der Schrei einer Schlange in den Bergen ein Omen bevorstehender Zerstörung war, so wie auch auf seinem Bild aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Als die Roerichs sich im Altai aufhielten, lebten sie bei einer Familie in dem Dorf der Alten Gläubigen im Oberen Uimon. Dort sammelten sie Mineralien und Heilkräuter, besuchten alte archäologische Ausgrabungsstätten und untersuchten Felszeichnungen. Obwohl sie nur zwei Wochen dort verbrachten, haben die Dorfbewohner sie niemals vergessen. Das Haus, in dem sie lebten, trägt nun eine Erinnerungstafel zu Ehren des Künstlers; gleich daneben befindet sich ein Roerich Museum, das von Freiwilligen aus der ganzen Sowjetunion eingerichtet worden ist, und die Berge ringsum wurden nach den Mitgliedern der Roerich Familie benannt.
Das Thangka Shambhalas und die amerikanische Flagge über Roerichs Zelt in Scharugon in Tibet (1927).
Das Thangka Shambhalas und die amerikanische Flagge über Roerichs Zelt in Scharugon in Tibet (1927).

Vom Altai reisten die Roerichs durch Ulan-Ude, dem Hauptort Buryatiens, und Kyakhta an der Grenze zur Mongolei - einst ein reicher Handelsplatz an der Großen Seidenstraße zwischen China und Europa - bis nach Urga (heute Ulan Bator), der Hauptstadt der Mongolei. Dort begannen sie mit ihren Vorbereitungen für den schwierigsten Abschnitt der Expedition -durch die Wüste Gobi, dem tibetischen Hochland und dem Transhimalaya. Es war der Traum von Nicholas und George Roerich, die heiligen Stätten Lhasas, der Hauptstadt Tibets und Heimat des lebenden Buddha, des Dalai Lama, zu besuchen. Der Vertreter Tibets in Ulan Bator übergab Roerich Briefe, die ihn beim Dalai Lama und seinem Gefolge vorstellen und ihm auch helfen sollten, tibetische Visa zu bekommen.
Roerich hält das Thangka Shambhalas.
Roerich hält das Thangka Shambhalas.

Roerich entdeckte, daß in der Mongolei der Glaube an das Nahen des Zeitalters von Shambhala sehr stark war. Auf den Straßen Ulan Bators begegnete er Abteilungen mongolischer Kavallerie, die das Lied von Shambhala sangen, das von Sukhi-Bator, dem Nationalhelden der Mongolei und einem Anführer der wachsenden Freiheitsbewegung) komponiert worden war:

Chang Shambalin Dayin,
Der Krieg Shambhalas im Norden!
Laß uns in diesem Krieg fallen
Um wiedergeboren zu werden
Als Ritter des Herrschers von Shambhala.22

Bevor Roerich Ulan Bator wieder verließ, schenkte er der mongolischen Regierung ein Gemälde mit dem Titel Rigden Djepo - Herrscher von Shambhala (Der Große Reiter). Das Bild war in Temperafarben ausgeführt, aber es hätte auch auf Seide gemalt und aus einem buddhistischen Tempel sein können, solche Ähnlichkeit hatten die Darstellungen der Figuren, Farbkombinationen, Flächigkeit und die Symbolhaftigkeit jedes einzelnen Details mit den traditionellen Thangkas. Andere Gemälde, Das Lied der Mongolei, Mongolei I und Mongolei II, die alle in den Jahren 1937 und 1938 entstanden, besitzen ebenfalls diese Eigenschaft.
Mongolei I, 1938. Tempera auf Leinwand, ca. 91 x 124,5 cm, Swetoslaw Roerich Sammlung, Bangalore, Indien.
Mongolei I, 1938. Tempera auf Leinwand, ca. 91 x 124,5 cm, Swetoslaw Roerich Sammlung, Bangalore, Indien.

Die Expedition mit Dutzenden von Trägern, einem Arzt, dem Karawanenführer, mehreren buryatischen Lamas und zwei russischen Frauen - Lyudmila und Iraida Bogdanova23 - verließ die Stadt am 13. April 1927. Die mongolische Regierung stellte der Karawane für den ersten Abschnitt der Reise bis zum Yum-Beise-Kloster Automobile zur Verfügung. Dort erhielten sie einige hundert Packtiere und setzten ihre Reise auf dem Kamel fort.

Wie immer sammelte Roerich auf dem Weg Mineralien, Pflanzen, Erdproben und alte Kunstgegenstände. Morgens und abends fertigte er Skizzen und Ölbilder von den mongolischen Einheimischen an, malte ihre zeltförmigen Behausungen (Yurten), ihre Ornamentik, Matten und Kleider. Die Mitglieder der Expedition machten zahlreiche Fotografien und belichteten viele Filmrollen.

Als Roerich zum ersten Mal die Indianer New Mexikos und Arizonas sah, war er erstaunt über ihre physische Ähnlichkeit mit den Mongolen, und jetzt auf seiner Reise zeigte er den Mongolen Bilder von nordamerikanischen Indianern. Die Mongolen dachten beim Betrachten der Fotos, sie würden sich selbst sehen. Roerichs Glaube, daß "etwas Unglaubliches, Fundamentales, jenseits jeglicher Theorie Liegendes diese Völker miteinander verbindet"24 , wurde auch von einem mongolischen Märchen bestätigt. Es handelt von zwei Brüdern, die von einem feuerspeienden unterirdischen Drachen, der die Erde aufgerissen hat, getrennt wurden. Bis zum heutigen Tag warten die beiden Brüder auf einen Feuervogel, der am Himmel erscheinen wird, um sie wieder zu vereinigen.25

Zwischen der Mongolei und Tibet liegt die Wüste Gobi. Die Route, die die Expedition durch diese felsige, wasserlose Wildnis nahm, wurde noch niemals zuvor von Europäern genommen. Sie wurde den Roerichs von den Lamas des Yum-Beise-Klosters vorgeschlagen, die jedoch auch vor der Gefahr warnten, daß man den räubernden Banden des berüchtigten Jalama, der selbst erst zwei Jahre zuvor von Mongolen gestellt und getötet worden war, in die Hände fallen könnte. Jalama hatte sich mitten in der Wüste Gobi eine ganze Stadt gebaut, wo Hunderte seiner Gefangenen arbeiten mußten. Die Stadt selbst wurde nach seinem Tod aufgegeben, doch seine früheren Weggefährten rotteten sich von Zeit zu Zeit zusammen, um vorbeireisende Karawanen zu überfallen.26
Roerich während seiner Expedition durch Zentralasien.
Roerich während seiner Expedition durch Zentralasien.

Und tatsächlich stieß die Karawane Roerichs auf Jalamas verlassene Stadt in der Wüste. Die Einheimischen, die die Karawane begleiteten, hatten solche Angst vor dem Räuberführer, daß keiner von ihnen sich der Stadt zu nähern traute, bis George auskundschaftete, daß keine Gefahr bestand.

Auf der einundzwanzigtägigen Reise durch die Wüste begegneten sie nur einer anderen Karawane, und bei diesem Treffen kam es dann auch noch fast zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. Der Karawanenführer, ein chinesischer Händler, verwechselte die Expedition mit Banditen und eröffnete das Feuer. Glücklicherweise erwiderte George Roerich, der für die Bewachung der Expedition zuständig war, nicht das Feuer und vermied so einen Schußwechsel.

Die Expedition kampierte im Juni und Juli 1927 auf einer Wiese hoch am Fuß der Schara-gola Anhöhe des Humboldt Gebirges. Dort wurden sie von den führenden Lamas der Region aufgesucht, und dort errichteten sie auch eine Stupa. Für die gesamte Expedition war es eine wichtige und geheiligte Zeit; Roerich illustriert dies auf seinem Gemälde Der Größte und Heiligste Thangla. Die Roerichs fuhren mit dem Sammeln und Forschen fort und ergänzten ihre Vorräte für die Reise durch Tibet. Die Route, die sie sich ausgesucht hatten, war die kürzeste, aber auch eine der gefährlichsten.
Roerich (mit Tropenhelm) schaut zu, wie Mitglieder der Expedition ein zerbrochenes Rad reparieren (Mai, 1926, Dzungaria, Chinesische Turkestan).
Roerich (mit Tropenhelm) schaut zu, wie Mitglieder der Expedition ein zerbrochenes Rad reparieren (Mai, 1926, Dzungaria, Chinesische Turkestan).

Der Weg führte sie durch die Salzablagerungen von Tsaidam, wo es äußerst ungesund war, auch nur für kurze Zeit haltzumachen. Folglich mußten sie Tag und Nacht ohne Pause weiterziehen. Nachdem sie diese seltsame und tückische Landschaft erstarrter Salzformationen, die wie ein "endloser Friedhof" aussahen27 , ohne Aufenthalt durchquert hatten, entging die Expedition nur knapp einem Hinterhalt eines einheimischen Stammes. Zu dieser Zeit hatten sie schon fast die Grenze zu Tibet überschritten und konnten bereits die ersten hohen Berggipfel des Himalaya sehen. Von Tsaidam aus, auf einer Höhe von ca. 2500 Metern, stiegen sie zum Nordtibetischen Plateau auf, das auf einer Höhe von 4300-4600 Metern über dem Meeresspiegel liegt.

Am 20. September erreichten sie den ersten tibetischen Außenposten. Einige zerlumpt aussehende Wachen verlangten die Ausweise der Expeditionsmitglieder. Die Roerichs zeigten ihnen ihre tibetischen Visaformulare und durften Weiterreisen, während die Visa zur Genehmigung an die tibetischen Behörden geschickt wurden. Am 6. Oktober wurde die Expedition aufgehalten, und es wurde ihnen erklärt, daß sie warten müßten, bis die Erlaubnis, ihre Reise fortzusetzen, vom befehlshabenden General Nordtibets gewährt worden wäre. Zwei Tage später wurden die Mitglieder der Expedition in das Hauptquartier gebracht. Der General begrüßte seine Gäste mit einer Kanonensalve und einer Ehrenabordnung von Soldaten in schmutzigen, knopflosen Jacken. Er war genauso freundlich und zuvorkommend wie schon die chinesischen Beamten in Khotan und versicherte ihnen, daß sie auf ihrem Weg nach Lhasa nicht aufgehalten werden würden. Seine einzige Bitte war, daß sie ihr Camp für drei Tage in sein Hauptquartier verlegen sollten, so daß er ihre Ausrüstungen persönlich inspizieren könne. Er sagte zu ihnen: "Die Hände kleiner Leute sollten nie das Eigentum großer Leute berühren."28 Der General versprach ihnen überdies, bei ihnen zu bleiben, bis die Nachricht über die Erlaubnis ihrer Weiterreise eingetroffen wäre. Doch als nach einer Woche noch immer keine Nachricht der Behörden angekommen war, erklärte ihnen der General, daß er noch anderen rapide. Es war so kalt, daß der Kognak in ihren Flaschen einfror und ihre Filmrollen zerstört wurden. Die Tiere starben vor ihren Augen. "Jede Nacht kamen die frierenden und hungernden Tiere an die Zelte heran, als ob sie sich vor ihrem Tod noch verabschieden wollten. Am Morgen fanden wir sie dann verendet vor den Zelten, und unsere mongolischen Helfer trugen die Kadaver an einen Ort außerhalb des Camps, wo die Rudel wilder Hunde, Kondore und Aasgeier auf ihre Mahlzeit warteten. 92 unserer insgesamt 103 Tiere verendeten im Lager."29 Aber auch fünf Expeditionsmitglieder überlebten diese Eishölle nicht: zwei Mongolen, ein Buryate, ein Tibeter und die Frau des Majors, der sie bewachte, starben.
Kamele verhungern oder erfrieren während des Aufenthaltes der Expedition auf dem Nordtibetischen Plateau.
Kamele verhungern oder erfrieren während des Aufenthaltes der Expedition auf dem Nordtibetischen Plateau.

Schließlich erhielt die Expedition Anfang März des Jahres 1928 die Erlaubnis zur Weiterreise, doch die Bitte Roerichs, Lhasa besuchen zu dürfen, wurde mit der scheinheiligen Entschuldigung, daß ihre Visa nicht angenommen würden, abgelehnt. Einige der Lamas jedoch, die die Expedition begleiteten, bekamen die Erlaubnis, in Lhasa einzureisen, wo sie, wie ihnen versprochen wurde, gastfreundlich aufgenommen werden würden. Sie gingen tatsächlich nach Lhasa, doch ihre Reise endete im Gefängnis statt im Potala, der Residenz des Dalai Lama, im größten Kloster der Stadt.30

Die Route, die man den Roerichs vorgeschrieben hatte, führte die Expedition im Westen an der Stadt vorbei. Sie überquerten einige Bergpässe und reisten entlang des Brahmaputra Flusses bis zur Grenze Nepals. Nach einer weiteren Paßüberquerung gelangten sie nach Gangtok. Am 26. Mai 1928, nachdem sie fast 24 000 Kilometer hinter sich gebracht und fünfunddreißig der höchsten Bergpässe der Welt im Laufe einer dreijährigen Reise überquert hatten, kehrten sie schließlich wieder nach Darjeeling zurück. Es war nicht nur eine wissenschaftliche Expedition, sondern auch eine spirituelle Suche gewesen. Roerichs Buch Herz von Asien verdeutlicht in seinem Aufbau diesen zweifachen Zweck der Reise. Die erste Hälfte des Buches erklärt die faktischen Einzelheiten der Expedition: die Orte, die sie besuchten, die Religionsführer, die sie trafen, die Ereignisse der Reise und die archäologischen und kulturellen Entdekkungen, die sie machten. Die zweite Hälfte trägt den Titel Shambhala und offenbart dem Leser die spirituelle Bedeutung der zuvor beschriebenen Orte, Ereignisse und Entdeckungen. Diese Vermischung wissenschaftlicher und spiritueller Aspekte ist auch in den Hunderten von Gemälden Roerichs, die er während seiner Reise durch Zentralasien malte, immer gegenwärtig. Sein Auge fing die Formen und Farben der Berge, Klöster, Felszeichnungen, Stupas, Städte und Völker Zentralasiens ein; seine Seele verstand den Geist, der ihnen innewohnte und seine Kreativität erschuf eine Synthese von unglaublicher Schönheit.

 


Anmerkungen

1. Belikov u. V. Knyazeva, S. 160.

2. Nicholas Roerich; Serdtse Azii (Das Herz von Asien), in: Izbrannoe, S. 155.

3. Nicholas Roerich; Himalayas: Abode of Light (Bombay, India 1947), S. 110.

4. Nicholas Roerich; Himalayas: Abode of Light (Bombay, India 1947), S. 21.

5. Belikov u. V. Knyazeva; S. 166.

6. Himalayas, S. 97.

7. Himalayas, S. 24.

8. Zitiert nach Jerry Rosser; Nicholas Roerich: Messenger of Beauty (Wheaton, Illinois, ohne Jahr), S. 8.

9. Nicholas Roerich; Himavat: Diary Leaves (Allahabad, India 1946), S.286.

10. Polyakova, S. 230.

11. Himalayas, S. 166.

12. Heart of Asia, S. 111.

13. Himalayas, S. 105.

14. Himalayas, S. 105.

15. Heart of Asia, S. 114.

16. Heart of Asia, S. 115.

17. Heart of Asia, S. 171.

18. Belikov u. V. Knyazeva, S. 174/75.

19. Heart of Asia, S. 122.

20. Belikov u. V. Knyazeva, S. 178/79.

21. Belikov u. V. Knyazeva, S. 248.

22. Himalayas, S. 108.

23. Lyudmila Bogdanowa hatte Helena Roerich in Ulan Bator zur Seite gestanden, wurde ihre Freundin und wollte die Expedition begleiten. Da sie niemanden hatte, derauf ihre dreizehnjährige Tochter aufgepaßt hätte, nahm sie Iraida mit auf die Expedition. Sie waren den Roerichs immer treu ergeben und blieben bis zum Jahre 1957 bei der Familie, als sie mit George in die Sowjetunion zurückkehrten.

24. Polyakova, S. 261.

25. Polyakova, S. 261.

26. Belikov u. V. Knyazeva, S. 186.

27. Heart of Asia, S.134.

28. Heart of Asia, S.137.

29. Heart of Asia, S.138.

30. Heart of Asia, S.266.

 

 


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